Sucht man nach Erläuterungen für den Begriff ,,virtuell``, so findet man verschiedene Erklärungen: Etwas ist virtuell, wenn es der Kraft oder der Möglichkeit nach vorhanden ist. Andere Nachschlagewerke definieren etwas als virtuell, wenn es dem Wesen oder dem Inhalt nach, möglich oder theoretisch vorhanden ist. Auf der anderen Seite werden ,,scheinbar`` und ,,imaginär`` als Erklärungen gebracht.
In der Filmbranche trifft man im Zusammenhang mit dem ,,Virtuellen Studio`` auf diesen Begriff. Ein virtuelles Studio besteht in der Regel aus einer Blue Box, einer Studiokamera auf Schienen sowie hochleistungsfähigen Computern. Mit Hilfe dieses Studios kann man per Computer eine 3-D-Welt kreieren, die eigentlich gar nicht - nur scheinbar - vorhanden ist. Man ist so auf der einen Seite in der Lage, die verrücktesten virtuellen Welten zu erschaffen, auf der anderen Seite können derartige Studios auch für die sachlich-nüchterne Vermittlung von Inhalten verwendet werden.
Mit Hilfe eines virtuellen Studios ist es möglich, sämtliche Situationen (z.B. in der ZDF-Kinderserie PuR: Fahrstuhlfahren über zwei Etagen des virtuellen Studios; Übertreten von dem Studio in einen eingespielten Beitrag) zu realisieren. Auch in der Realität nur schwer oder gar nicht drehbare Kameraflüge werden so ermöglicht.
Außerdem kommt es zu einer Kosteneinsparung durch wegfallende
aufwendige Set-Aufbauten sowie zu einer Reduzierung des zeitlichen
Aufwandes durch z.B. schnelleren ,,Set-Aufbau`` im Computer.
So ist jederzeit eine frei definierbare Gestaltung des Sets möglich,
wobei man von der tatsächlichen Studiogröße unabhängig
ist.
Das Aufheben der Physik (z.B. Schweben im freien Raum u.ä.) und der Einsatz weiterer Effekte setzen eine enorme Kreativität und großes Vorstellungsvermögen voraus.
Da während des Drehs von dem letztendlichen Studioaufbau noch nichts vorhanden ist und der Moderator nur durch Markierungen am Boden geleitet wird, sind an ihn hohe Anforderungen (gute Vorstellungskraft/Orientierung) notwendig.
Aufzeichnungen mit Publikum sind selten.Virtuelle Live-Sendungen finden wegen des immensen Aufwandes nicht statt.
Wichtig ist auch, dass als Grundlage enorm hohe Rechnerkapazitäten unumgänglich sind, was hohe finanzielle Investitionen erfordert. Ein weiteres Problem ist der Mangel an ausreichend gut geschultem Personal, was gerade für die Arbeit mit dem virtuellen Studio wichtig ist.
Risikoreich ist ebenfalls, dass sich Effekte an der Grenze zum zu Absurden bewegen und schnell lächerlich wirken können.. Um seriös und professionell zu bleiben, muss genau diese Grenze erkannt und ein Überschreiten verhindert werden, beziehungsweise wenn, dann gezielt eingesetzt werden. Letztendlich setzt die Arbeit im virtuellen Studio eine perfekte Zusammenarbeit zwischen Redaktion, Technik und Grafik voraus.
Danach zeigte Mattias uns ein ca. 15-minütiges Making Of zu dem Videoclip Die Leude von Fünf Sterne Deluxe. In diesem Video stellen die Bandmitglieder alle mitspielenden Personen selbst dar, werden also in den unterschiedlichsten Charakteren gezeigt. Die Schnitte sind nicht hart und sollen möglichst unmerklich durchgeführt sein. Hierzu wurde als spezielle Kameratechnik die Steadycam verwandt, wo der Kameramann die Kamera auf einem Korsett mit Gegengewicht am Körper trägt, das ruckartige Bewegungen ausgleicht. So ist es möglich, lange Einstellungen ,,wackelfrei`` und sehr wendig auf kleinem Raum zu drehen.
Dazu sahen wir dann den Videoclip der Stereo MCs Deep Down & Dirty, der auch kaum merkbare Schnitte enthält. Wir unterhielten uns über den authentischen Stil des Videos, das den Sänger ungeschminkt zeigt. Die Kamera steht im Dialog mit dem Interpreten und ist permanent in Bewegung. Es wurde offensichtlich mit Steadycam gedreht.
Das mehrfach ausgezeichnete Video ,,Smack my bitch up`` von Prodigy zeigt interessante Möglichkeiten, den Zuschauer zu fesseln. Beinahe das ganze Video hindurch sieht er das Geschehen aus den Augen des Hauptdarstellers (subjektive Kamera). Dieses Stilmittel verringert die Distanz zwischen Zuschauer und Protagonist, es findet fast eine Verschmelzung statt. Auf diese Weise greift die beklemmende Stimmung des Videos, das einen Drogentrip durch das Nachtleben einer Stadt zeigt, auf den Zuschauer über. Interessant ist im Übrigen auch die Intention dieses Kunstwerks: Der Hauptdarsteller zeigt das ganze Video über ein typisch männliches Verhalten und ist bis zur letzten Szene kein einziges mal zu sehen. Jeder rechnet mit einem Mann. Ganz am Ende wird jedoch deutlich, dass der ganze ,,Kurzfilm`` mit den Augen einer Frau gesehen wurde; Prodigy kritisieren also die Bilder, die in unserer Gesellschaft von den Geschlechtern existieren.