Das Vier-Quadranten-Modell Ken Wilbers konkretisiert an sich noch keine Wechselwirkungen zwischen den einzelnen vier Teilbereichen, obwohl weitläufig klar ist, dass sie in Beziehung treten. Nun soll hier der Interdependenz ,,links oben zu links unten`` verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet werden. Beim näheren Betrachten dieses Abstraktionsmodells können wir unsere Themenbereiche auf ,,Beeinflussung bzw. Bildung des Individuums durch das Kollektiv`` reduzieren.
Der Begriff ,,Bewusstsein`` hat in der Geschichte Wandlungen bezüglich seiner Definition durchlaufen und liegt auch jetzt noch in verschiedenen Teilgebieten in unterschiedlicher Form dar. Der lateinische Begriff geht auf das Wort ,,conscio`` = ,,wir wissen zusammen`` zurück. In der Psychologie wird besonders zwischen bewusster (aktiver) und unbewusster (passiver) Verhaltenssteuerung unterschieden. Hier sind schon für den Betrachtungsverlauf entscheidende Bemerkungen gefallen, nämlich die Assoziationen mit einer aktiven Handlung bzw. Reflektion und die auf den Wortursprung bezogene Beziehung mit einem Plural (,,wir``). Die Psychoanalyse prägt diesen Begriff noch um einiges konkreter, indem sie dem Bewusstsein die Ich-Funktion im Instanzenmodell und die Orientierung und Anpassung des Individuums in der Realität zuweist.
Hier wird natürlich deutlich, dass die Klärung des Begriffs ,,Individuum`` von zwangsläufiger Bedeutung ist. Vor dem Mittelalter war das ,,Individuum`` (lateinisch: das Unteilbare) als die Einheit eines Einzelwesens definiert, die nicht geteilt werden kann, ohne dass Züge ihrer Wesensart verloren gingen.
Jedoch wird dieses Abstraktum seither mit Begriffen wie Vernunft, Selbständigkeit und auch dem Bezug zur Gemeinschaft fest assoziiert, da es einen Einfluss von Begriffen wie Identität und Individualität im geistigen Sinne erfahren hat. Auf diese nachmittelalterliche Definition soll auch bei dem Versuch der Beweisführung eingegangen werden.
Zur Voraussetzung gehört jetzt noch ein Begriff: die Kommunikation. Das allgemeine Wesen der Kommunikation ist die Informationskonstruktion, um eine gezielte wechselseitige Koordination zu erzielen. Die verbale interpersonale (zwischen min. zwei Personen) Kommunikation soll hier aus Vereinfachungsgründen die besondere Rolle spielen. Sie läuft simplifiziert in drei Phasen ab (Verschlüsselung - Übermittlung - Entschlüsselung). In allen drei Phasen können Fehler auftreten, jedoch in unserem Fall wird der Entschlüsselung besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Das Bewusstsein muss ein fester Bestandteil des Individuums sein, da es sich sonst nicht an die Gegebenheiten der Umgebung anpassen kann und somit nicht überlebensfähig wäre (siehe oben). Ebenfalls bemerkten wir im oberen Teil die unbedingte Aktiv-Bedeutung (,,ich bin mir meiner Gegebenheiten bewusst``). Also ist ein Bewusstsein mit den o.g. Assoziationen nur durch kognitive Lernprozesse möglich, welche wiederum nur durch erfolgreiche Kommunikation möglich sind (Voraussetzung: Entschlüsselung erfolgt fehlerfrei und eindeutig.).
Demzufolge ist eine individuelle Bewusstseinsausprägung nur durch ein Kollektiv bzw. eine Gemeinschaft möglich.
Es soll nun überprüft werden, ob diese Behauptung bzw. These
auch aus einem anderen Gesichtspunkt gültig bleibt, deswegen
ziehen wir die Systemtheorie von Niklas Luhmann heran.
Der Begriff des Bewusstseins wird im weiteren
Textverlauf nun mit dem Term des ,,psychischen Systems`` bzw.
dem des ,,Bewusstseinssystems`` (BS) gekennzeichnet, da Luhmanns
Theorie ihr eigenes Terminologiensystem besitzt. Jedes System
hat nach dieser Theorie Operationen, mit denen es arbeiten und
sich selbst ,,lenken`` kann. Die Operationen des BS sind Gedanken.
In diesen Gedankenverlauf (d.h. von einem auf den nächsten)
kann kein dem BS fremdes System determinierend eingreifen, demzufolge
ist es also autonom. Ebenfalls können sich Gedanken nur auf
die Gedanken davor beziehen, sie sind also rekursiv determiniert.
Dies bedeutet, ist ein Gedanke g
gedacht (hier modellieren
wir einmal einen ,,ersten Gedanken`` zu einem Subjekt bzw. Objekt),
so sind die darauffolgenden Gedanken auf g
rückbezüglich
(also allg.: g
= f[g
] wörtlich: Der nachfolgende Gedanke
ist rekursiv vom vorigen abhängig bzw. eine Funktion von ihm.).1
Die anderen Systeme (physisches System etc.) bleiben natürlich
nicht völlig außen vor, jedoch können diese nur Reize anbieten.
Es ist ausschließlich die Form bzw. Operationsstruktur des
BS, welche entscheidet, inwiefern diese Reize in der nächsten
Operation mitverarbeitet werden. Hieraus folgt, dass viel vom
vorigen Gedanken abhängt. Nun muss, nicht um den Leser zu ermüden, sondern aus Gründen
der Luhmannschen Terminologie, noch ein Begriff geklärt werden,
und zwar der der Identität. Eine Identität tangiert im weiteren
Sinne die o.g. Klassifikationen von ,,Individuum`` bzw. ,,bewusstem
Individuum``. Diese kann nur entstehen, wenn das BS in der Lage
ist, sich selbst als ganzes zu sehen. D.h. es ist mit seinen Operationen
in der Lage, sich selbst mit ,,all seinen Gedanken`` (Luhmann)
zu betrachten und sich als Gegenstand der Kommunikation zu sehen.
Ergo, es ,,weiß`` um seine Identität und kann sich in seiner
Umwelt wiedererkennen bzw. wird wiedererkannt. Dieses Vermögen
wird auch als Reflexion bezeichnet und kann sich nur entwickeln,
wenn das abstrakte Denken gelernt ist. Allgemein ist also zu sagen, dass der Körper eine Summe von
differenten Systemen ist, welche sich aber direkt nicht beeinflussen.
Da diese essentiell für sein Überleben sind, müssen auch
alle voll funktionsfähig sein, damit der Mensch ,,voll funktionsfähig``
ist. Wächst also ein Mensch ohne ,,menschliches`` Kollektiv
auf, so fehlen ihm natürlich die Lernprozesse des kognitiven
und des abstrakten Denkens. Hierauf folgt, dass Prozesse wie
Reflexion nicht möglich sind, das BS und damit der Mensch besitzen
also keine Identität.2
Hier können wir also zum gleichen Schluss kommen, wie im oberen Abschnitt: Eine individuelle Bewusstseinsausprägung (Identität) ist nur durch ein Kollektiv bzw. eine Gemeinschaft möglich.