Wenn Theorie bloß Theorie bleibt, kommt oft schnell die Frage auf, was sie einem für das reale, nicht theoretische Leben bringt. Was ist, wenn man es wirklich geschafft hat, zum einen seine Schatten zu erkennen und sie zum anderen zu integrieren? Anhand eines Beispiels versuchen wir deutlich zu machen, welche Auswirkung eine solche Erkenntnis auf ganz alltägliche Denkprozesse und Kommunikation haben kann.
Die Ausgangssituation für beide ,,Gedankenspiele`` ist jeweils die gleiche:
Eine junge Frau (vielleicht zwischen 20 bis 30 Jahren) sitzt in der U-Bahn einem sympathisch wirkenden Mann entgegen. Sie ist durchschnittlich hübsch und zur Zeit solo. Die Blicke der beiden beteiligten Personen haben sich für einen Moment getroffen; von da an schaut der Mann offensichtlich öfter herüber, um Kontakt aufzunehmen:
,,Oh Gott, hat der grade wirklich zu mir geschaut? Was erwartet er jetzt wohl von mir? Ich muss auf jeden Fall selbstbewusst wirken. O.K.: Rücken grade, Brust raus, Bauch rein...Zurücklächeln?!? Nein, ich darf nicht zu aufdringlich wirken. Vielleicht hat er ja nur zufällig zu mir geschaut. Nein, nein, das wäre ja peinlich...Was mache ich mir eigentlich so viele Gedanken? Es gibt ja gar keine Anzeichen für sein wirkliches Interesse. Irgendwie schaut ja jeder mal irgendwo hin...aber da, schon wieder. Der will sich bestimmt über mich lustig machen, außerdem könnte ich jetzt wahrscheinlich gar nicht lächeln, da käme bestimmt nur eine Grimasse bei raus.... Ich denke, ich schau lieber aus dem Fenster; das wirkt vielleicht souveräner...Ich wüsste gerne, ob er immer noch zu mir herschaut. Mal heimlich gucken...: Natürlich nicht. Dann will ich ihn auch gar nicht, wenn er sich so wenig Mühe gibt...``
Was könnte anschließend passieren:
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sie weiter aus dem Fenster schauen und irgendwann aussteigen ohne Kontakt aufgenommen bzw. zugelassen zu haben. Wahrscheinlich wird sie sich anschließend über ihn ärgern und ihm vorwerfen, ihr unbegründet Hoffnung gemacht zu haben.
Zusammenfassende Analyse:
Für die Urheberin dieses fiktiven Gedankengangs haben wir folgendes Schattenprofil erstellt. Eine ihrer Projektionen drückt sich in dem Gedankenmuster ,,Alle Männer schauen nur auf das Äußere`` aus. Dieses Muster ist bei ihr durch ein verdrängtes Gefühl der Verletzlichkeit und aus der Geringschätzung des eigenen Selbst entstanden. Dadurch macht sie aus ihrem Körper eine Art Schutzhülle für ihr Inneres, das durch diese Anschauung gehindert wird, jemals an die Öffentlichkeit zu gelangen. Sie leidet an dieser Selbstbeschränkung, wie man an so gut wie allen Projektionen leidet.
Allgemein lässt sich von einer Projektion nie auf einen spezifischen Schatten schließen, da sowohl verschiedene Schatten ein und die selbe Projektion erzeugen können, genau wie umgekehrt eine Projektion unterschiedlichste Ursprünge haben kann. Insofern zeigt die folgende Tabelle nur einen Ausschnitt aus dem Projektion- Schatten- Geflecht unserer fiktiven Person:
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Projektionen: |
Schatten: |
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,,Keiner interessiert sich für mich` |
Liebesbedürfnis |
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,,Ich will ihn gar nicht` |
Angst zu scheitern |
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,,Er erwartet...`` |
,,Ich erwarte von mir/ ihm...`` |
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,,Ich bin nicht liebenswert` |
Angst vor der eigenen Unvollkommenheit |
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,,Ohlàlà, meine gute Laune zeigt schon erste Auswirkungen. Der da hinten mit den schönen dunklen Augen lacht schon wieder so nett zu mir herüber. Attraktiv und sympathisch,... welch ein Glücksfall. Da bleibt mir ja fast nichts anderes übrig als zurückzulächeln. Ich bin mal neugierig, wie er reagiert, wenn ich ihn anspreche. Ein kleines Schwätzchen oder mehr...aber auf jeden Fall wird es spannend...Ach ja, die anderen haben unsere Blicke schon bemerkt und halten uns jetzt für leicht verrückt. Was soll's? Ich bin's ja auch...``
Was könnte anschließend passieren:
Die beiden Hauptcharaktere kommen auf jeden Fall miteinander ins Gespräch. Vielleicht entwickelt sich eine gegenseitige Sympathie, die evtl. noch zu mehr wird, oder es bleibt bei einer einmaligen Unterhaltung. Alle Möglichkeiten stehen offen.
Zusammenfassende Analyse:
Die Frau in unserem zweiten Gedankenspiel hat ihre Schwächen erkannt, akzeptiert und in persönliche Stärken umgewandelt. Deshalb fühlt sie sich in ihrem Körper wohl, und statt sich wie im ersten Gedankenfluss Sorgen um die Ansichten und Meinungen der anderen zu machen, überlegt sie sich, was ihr Selbst möchte.
Sie versteht die Möglichkeit zu scheitern als spannendes Risiko, das sie mit Freude eingeht. Sie stellt keine einengenden Erwartungen an das Zukünftige, sondern reagiert spontan und kreativ auf das Gegenwärtige.
Aus der Angst vor der eigenen Unvollkommenheit entsteht humorvolle
Akzeptanz ihrer Schwächen (
Liebe Dein Symptom),
die ihr erlaubt, liebevoll mit sich und anderen
umzugehen. Perfektion erwartet sie von niemandem und setzt somit
auch niemanden unter Erwartungsdruck. Die Kommunikation wird
dadurch ungehemmter und klarer, weil sie weniger projektionsbelastet
ist.
Anhand der beiden Gedankenspiele lässt sich sehr einfach der Unterschied zwischen dem Zustand der Abspaltung und dem der Selbstfindung erkennen:
Wo beim ersten Beispiel einengende, fast depressive Gedanken die Gefühle bestimmten, merkten wir schon beim bloßen Niederschreiben des zweiten Gedankenganges die positive Energie, die von dieser Art der Empfindung freigesetzt wird. Eine solche Lebenseinstellung ist also viel angenehmer, kaum einer von uns setzt sie jedoch in die Realität um. Gründe dafür können in unserer Erziehung liegen und in der jahrelangen Gewöhnung an die traditionellen Denkmuster. Aus ihnen auszusteigen erfordert viel Bewusstheit und den Mut zu scheitern und anders zu sein als zuvor und vor allem anders als es die Gesellschaftsnormen vorschreiben. Damit begibt man sich in die Gefahr, kritisiert zu werden, weil man seine Entscheidungen alleine trifft.
In einem anderen Erklärungsmuster (s. Spiral Dynamics) lässt sich diese Weltsicht besonders gut unter dem gelben Wertmem einordnen, da auch aus ihm heraus spontan, kreativ und flexibel gehandelt wird und es keine vorgeschriebenen Verhaltensmuster gibt. Es ist ebenso noch nicht vollständig in unserer Gesellschaft etabliert.
Die Integration unseres Schattens ist somit ein lohnendes Projekt für die Zukunft der beiden linken Quadranten.