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Bewusstsein und Schatten

Henriette Kauntz, Ruth Olbrich, Pia Weiler

Wie in Abb. 1 dargestellt, existieren verschiedene Stadien des menschlichen Bewusstseins, das verschiedene Charakteristika in sich vereint. Die Vielfalt dieser Eigenschaften reicht von geistigen über emotionale bis hin zu körperlichen. Dadurch, dass die Person solche Eigenschaften, Teile ihres Selbst, als negativ verurteilt, erkennt sie sich diese ab und ist bestrebt, sie so weit wie möglich von sich zu trennen: Es kommt zur Abspaltung ursprünglich zum Wesen gehöriger Teile, zum sogenannten ,,Schatten``. Da keine derartige Verdrängung endgültig und von Dauer sein kann, fällt jeder Schatten früher oder später auf die eine oder andere Weise auf die ,,Persona`` zurück. Auf dieser Bewusstseinsebene befinden sich viele Menschen.

Gelingt es aber, die Verdrängung als solche zu erkennen und die unerwünschten Gefühle und Eigenschaften zurück in das Bewusstsein zu integrieren, wird die nächste, reifere Bewusstseinsebene erreicht, im Schaubild als ,,Ego`` benannt. Eine weitere Teilung besteht jedoch fort: Körper und Geist. Das ,,Ich`` akzeptiert seinen Körper nur unzulänglich als Teil des Ganzen, stattdessen scheint der Körper dem Geist Probleme zu bereiten.

Im nächsten Schritt der Integration wird die Differenzierung ,,Ego-Body`` ,,nicht aufgegeben, sondern aufgehoben``, d. h. die Differenzierung bleibt bestehen, das Bewusstsein erkennt jedoch die Vorteile der Integration beider. Wo es vorher hieß: ,,Mein Körper bereitet mir Probleme``, heißt es nun: ,,Ich bereite mir selbst Probleme``. Das hat zufolge, dass die Quelle des Problems von außen nach innen verlagert wird, wo sie sich leichter beheben lässt. Körper und Geist stehen als ,,organism`` dem ,,environment`` gegenüber.

Wird auch diese Trennung überwunden, entsteht das Stadium ,,mind``, in dem sich Organismus und Umgebung integrieren. Fraglich bleibt, ob und wie jene Stufe zu erreichen ist. Allerdings lässt sich generell feststellen, dass der Großteil der Menschheit in einer Stufe der Trennung von Schatten und Persona verhaftet bleibt.

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\epsfig{file=SpectrumofConsciousness.eps, width=...
...le=270}
{\small Abb.1: Spectrum of Consciousness}
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Wie verläuft die Entwicklung des Schattens in Bezug auf die Entwicklung unser Persönlichkeit in fortschreitenden Stadien unseres Lebens? Als Kind sind wir zunächst instinktgesteuert, unser Weltbild beschränkt sich auf die eigene Phantasie und die Erfahrungen innerhalb des Familienkreises. Wir sind uns (zumindest als Kleinkind) unseres Ichs noch nicht bewusst und können somit auch keine ungewollten Teile unseres Ichs abspalten, die durch Projektion auf uns zurückfallen könnten. Wir sind offen für alles Äußere, haben auch außer den Instinkten kein Gespür für Inneres.

In der darauffolgenden Phase entwickeln wir das Ich-Wahrnehmen. Als Kinder haben wir aber nach wie vor die Neigung, all unseren Empfindungen freien Lauf zu lassen. Wir weinen, schreien, nörgeln, lachen und kreischen, wann immer uns danach zumute ist. Aber wir lernen, den Ausdruck unserer Emotionen auf die Reaktionen der anderen abzustimmen. Wenn wir merken, dass unser Schreien Erfolg hat, schreien wir nicht um der Emotionen, sondern um des Zweckes Willen. Es wäre zu überprüfen, ob dieses Ursache-Wirkungs-Denken gleichzeitig mit dem Erkennen des Ichs eintritt. Erziehung tut ihr Übriges zur Bildung unseres Charakters. Vielleicht entsteht bereits in solch zartem Alter zugleich mit der Persona der Schatten. Sind wir z.B. gewohnt, uns bei den Eltern durchzusetzen, halten wir uns für dominant und richtungsgebend. Wir verlernen nachzugeben.

Neben der Erziehung wirkt die Gesellschaft mit ihren Werten und Idealen sehr persönlichkeits- und schattenbildend. Es ist anzunehmen, dass Persönlichkeitsbildung vor allem in jungen Jahren Schattenausbildung nach sich zieht, da wir in unserer Gesellschaft zum Schwarz-Weiß und Schubladendenken neigen, uns selbst bestimmte Charakterzüge zuschreiben und vergessen, uns differenziert zu betrachten, wobei wir dann das Gegenteil der uns zugedachten Charaktereigenschaft von uns weisen. Entweder bin ich schüchtern oder nicht, klug oder nicht, gutaussehnend oder nicht, schlank oder nicht. Solches Denken tritt wohl vermehrt in der Pubertät auf, wo wirkliche erste Selbstreflektionen stattfinden. Frage ist, ob man mit dem puren Bewusstsein des Ichs beginnt, einen Schatten auszubilden, oder erst mit dem Bewusstwerden bestimmter Charakterzüge. Man könnte davon ausgehen, dass als Kind bereits der Schatten entsteht, wobei man sich weder der Persona noch des Schattens bewusst ist, und in der Pubertät dieses Denken endgültig zum Ausdruck gelangt.

Somit wird aus den ,,guten``, erstrebenswerten Eigenschaften ein ideales Selbstbild entworfen, wobei alle ,,schlechten`` und nicht in dieses Bild passenden Verhaltensweisen und Gefühle vom Ich abgespalten und verdrängt werden. Dem Menschen wird die Möglichkeit genommen, auf die im Schatten befindlichen Energiepotentiale und die damit verbundenen Fähigkeiten zurückzugreifen, wodurch er sich selbst Einschränkungen auferlegt.

So kommt es dazu, dass der Mensch als ausschlaggebendes Kriterium der Entscheidungsfindung sein Idealbild heranzieht, anstatt seine eigentlichen Wünsche zu berücksichtigen (Dualismus zwischen idealem und wirklichem Ich, z. B. zwischen Ehrgeiz/Eifer und Faulheit). Die Gründe der daraus resultierenden Unzufriedenheit sucht das Ich nicht bei sich selbst, sondern projiziert die Schuld an seinem Zustand auf sein Umfeld. Dabei werden die verdrängten Gefühle/Wünsche von der scheinbar feindlichen Umwelt in entstellter Form auf das Ich zurückgeworfen.

Als Faustregel, um durch Projektion entstellte Gefühle von real existenten zu unterscheiden, gilt, dass erstere häufig einen verallgemeinerten, übertriebenen Eindruck erwecken. Gleichzeitig können Außenstehende eine Überreaktion der projizierenden Person, die übermäßig affiziert erscheint, erkennen (Sätze wie ,,KEINER mag mich``, ,,IMMER ich``, ,,NIE darf ich`` etc. sind exemplarisch für Projektionen.). Überwiegt dagegen Information den Affekt, ist nicht von Projektion auszugehen.

Zum konkreten Abbau des Schattens ist es essentiell, diese Unterscheidung zwischen projiziert und real vorzunehmen. Hat man seine entstellten Gefühle als solche identifiziert, hat man sich die Möglichkeit erschlossen, den Schatten zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen und Selbsterkenntnis zu erlangen. Diese Selbsterkenntnis bietet an sich noch keine Lösung, sie stellt vielmehr den ersten Schritt dazu dar. Nachdem man die Schatteneigenschaft ins rechte Licht gerückt und durchschaut hat, kommt es darauf an, sich mit ihr auseinanderzusetzen und sie akzeptieren zu lernen. Dabei wird man zu dem Schluss gelangen, dass Schatten nicht zwangsläufig negativ besetzt sein müssen, sondern auch positive Aspekte beinhalten können. Diese Akzeptanz eröffnet neue Wege, mit alten Problemen umzugehen und sie zu bewältigen. Befreiend wirkt es, die wiedergefundenen ursprünglichen Emotionen auszuleben und sich ihnen nicht mehr zu verschließen.

Mit ,,Schatten`` wird nicht ausschließlich die geistige Form bezeichnet, denn er kann sich auch im Physischen manifestieren, d.h. aus Körperhaltung und Auftreten werden mögliche seelische Blockaden ersichtlich. Gerade deshalb gewinnt das völlige Sich-darauf-Einlassen beim Impro-Theater an immenser Bedeutung, da nur dadurch Erfolge auf persönlicher Ebene erzielt werden können.

Improvisationstheater

Ein grün-weiß kariertes Sofa steht in einer mit Judomatten ausgelegten, uns wohl vertrauten und schon heimisch gewordenen Turnhalle. Das langjährig glücklich verheiratete Ehepaar, Bea und Daniel, sitzt auf besagtem Sofa und erwartet mit zunehmender Ungeduld ihre Tochter Lea, die schon vor zwei Stunden hätte zu Hause sein sollen. Lea erscheint mit hängendem Kopf und hochgezogenen Schultern an der Tür. Während Daniel, der autoritätsbewusste Vater, Tochter Lea mit strafenden Worten zurechtweist, hält sich Mutter Bea schüchtern im Hintergrund.

Was hat die Deutsche Schülerakademie in Rossleben davon zu halten?

Der Kurs 7.5 spielt sein allnachmittägliches Improvisationstheater. In diesem Fall durften drei freiwillige Kursteilnehmer sich für einen ,,Status`` ihrer Wahl entscheiden (hoher Status = selbstbewusst: langsame Bewegungen, körperkontakt- und kommunikationsfreudig, Blickkontakt; niedriger Status = schüchtern: vermeidet Blickkontakt, hektisch, unsicher, gekrümmte Haltung) und sollten diesen in der Mutter-Vater-Kind- Situation in Szene setzen. Aber worauf müssen ,,unsere Schauspieler`` eigentlich achten? Wider allen anfänglichen Erwartungen kommt es beim Impro-Theater nicht auf Kreativität und persönlichen Ehrgeiz an, sondern vielmehr auf Offensichtlichkeit. Für die Praxis bedeutet das, keine aus der Luft gegriffenen Ideen einzubringen, sondern intuitiv einen naheliegenden Fortgang der Handlung zu wählen. Absurde Vorschläge können zwar kurzfristige Lacherfolge bringen, verhindern aber die Entwicklung einer in sich schlüssigen Szene, da völlig Unerwartetes die Mitspieler überrascht und aus dem Konzept wirft. Ziel ist es, miteinander und nicht gegeneinander zu spielen, um die Bühne nicht zu einem Ort für Konkurrenzkämpfe werden zu lassen. Anforderungen an die Schauspieler bestehen darin, sich gegenseitig mit produktiven Ideen weiterzuhelfen, wobei sich ein ständiger Wechsel zwischen Führen und Führen lassen einstellt. Darüber hinaus soll sich die Kooperationsbereitschaft der Improvisierer durch überwiegend positives Denken ausdrücken (z.B. Ideen erfreut anzunehmen und weiterzuführen. JA GENAU!)

Veränderungen der Schauspieler, d.h. z.B. Wechsel des Status, erwecken die Aufmerksamkeit der Zuschauer, während starres Festhalten am status quo das Interesse schnell erlahmen lässt. Die Zuschauer sollen in der Lage sein, sich mit den Akteuren zu identifizieren. Da die Schauspieler hoffentlich über einen ausgeprägten Mut zum Scheitern verfügen, vermögen sie sicher und ohne Einschränkungen auf der Bühne zu agieren.

Allen Anforderungen steht jedoch der Spaß am Impro und die Freude daran, sich darauf einzulassen und die gewohnten Denkmuster hinter sich zu lassen, voran.

Improvisieren zeichnet sich allerdings nicht nur durch diesen Spaß an sich aus, sondern gewährleistet den Teilnehmenden auch auf anderen Gebieten Bereicherung: Förderung des Selbstbewusstseins, der Kommunikationsfähigkeit und der sozialen Interaktion, Entdeckung ungeahnter persönlicher Potentiale, Gespür für die Entwicklung zusammenhängender Handlungsstränge und Wahrnehmung des anderen.

Improvisationstheater bietet die Option, sich selbst in anderen Rollen zu erleben, neue Seiten an sich zu entdecken und seinem Schatten auf die Spur zu kommen, indem man dazu angehalten ist, nicht an seinem status quo festzuhalten, sondern sich auf der Bühne zu verändern. Schlüpft man auf diese Weise in die Rolle seines Schattens, finden sich verdrängte Energiepotentiale wieder, die beim Impro positiv genutzt werden können. Der Improvisierer zieht eine Verbindungslinie zum Alltag, in dem die bisher vernachlässigten Schatteneigenschaften nun eine Bereicherung seiner Persönlichkeit darstellen.


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