Zum Verständnis dieses Aufsatzes ist die vorherige Lektüre der Ausführungen über Spiral Dynamics und die integrale Theorie vonnöten.
Ein Fascinosum der Theorien von Beck ist die Möglichkeit der Analyse von Menschen (-typen), Kulturen und politischen Systemen aus allen Perioden der Menschheitsgeschichte unter dem Aspekt der Wertmeme.
Um dabei Reduktionismus zu vermeiden haben wir zunächst einen Stellvertreter für jeden Quadranten auf seine Wertmeme hin untersucht. Das Spiral Dynamics Modell bezieht sich zwar nur auf den linken unteren Quadranten des kollektiven Bewusstseins, aber die Interdependenzen zwischen den Quadranten erlauben auch die folgende Überprüfung.
Annähernd komplette Analysen würden allerdings den Rahmen des Textes sprengen, weshalb wir uns jeweils auf einige Facetten beschränken müssen.
Eine Persönlichkeit mit einem sehr interessantem Bewusstsein war Hermann Hesse.
Die erste Auffälligkeit in seiner Biographie ist die Flucht aus dem evangelisch theologischen Seminar in Maulbronn als 15 - Jähriger. Die Frische und Impulsivität ( roter Wertmeme) dieses Ausbrechens aus der erstickenden Enge des Internats und damit aus veralteten elitären Strukturen spiegelt sich trotz aller Reflexion und Einsicht immer wieder in seinen Werken und wiederholt sich auch in seinem Leben.
Eine andere Seite seiner Persönlichkeit ist von grünen Wertmemen geprägt. Als Christ, der jedoch von fernöstlicher Philosophie und Religion beeinflusst war, entwickelte er eigene, neue - nicht mehr streng blaue - Spiritualität. Auch war er ein Befürworter des Kommunismus. Er lehnte jedoch die gewalttätigen Revolutionäre ab. Ihm schien die (grüne ) Selbsterfahrung, die Revolution des Einzelnen, der richtige Weg. Nach diesen Überlegungen kann man etwas vereinfacht sagen, dass seine grüne Prägung die Qualität seiner Bücher ausgemacht hat, sein positiver Zugang zu roten Wertmemen ihre Frische und ihren sympathischen Charakter.
Als Beispiel für ein Kollektivbewusstsein folgt nun eine Untersuchung einiger Aspekte der römischen Kultur zur Zeit der Republik.
Die Römer verstanden den Mensch als ,,zoon politikon``, das sich in dem Staatsgefüge mit seinen Anforderungen an das Individuum unterzuordnen hat. Diese geordnete und soziozentrische Weltsicht und die Religiosität der Römer, die im Zusammenspiel dem blauen Wertmem sehr nahe kommen,bestimmten das Handeln des ,,vir vere Romanus``, des echten Römers. Einflüsse der griechischen Mythologie und zumindest die
Ahnung einer orange angehauchten Selbstreflexion (durch die das bessere Individuum auch der Allgemeinheit dient) bereicherten den kulturellen Wertekatalog. Doch auch die Römer waren bekanntlich aggressiv und sehr expansiv. Im Krieg gingen sie orange - strategisch vor und befriedeten ein Weltreich. Allerdings waren ihr Antrieb und ihre Erklärung blau - violett, ein Auftrag der Götter.
Eine Wertmemanalyse eines Beispiels aus dem kollektiv - äußeren Quadranten hat sich als schwierig erwiesen, da die Interdependenzen zwischen diesem und kollektiv -inneren Quadranten offensichtlich und sehr stark sind.
Schließlich ist es offensichtlich, dass Systeme und Regelungen eines Volkes aus seinen Wertvorstellungen und seiner Kultur heraus entstehen. Unterschiede ergeben sich aus der zeitlichen Differenz zwischen dem Auftauchen eines Wertmems und seiner Manifestation in Gesetzen oder anderen Strukturen.
Die heutige Marktwirtschaft in Deutschland und weiten Teilen der Welt sind beispielhaft für die Verknüpfungen, aber auch für einige Diskrepanzen zwischen Werten und System.
Die immer freier werdende Marktwirtschaft ist in erster Linie auf das Gewinnstreben großer Konzerne ausgerichtet. Der rote Grundsatz ,,In einer Welt von Armen und Reichen ist es gut reich zu sein`` und die daraus resultierende Ungleichverteilung werden immer konsequenter umgesetzt, jedoch nicht ohne die strategischen Feinheiten und die Weitsicht oranger Wertmeme zu integrieren. So zeichnet sich etwa der heutige Monopolist gegenüber dem absolutistischen Herrscher dadurch aus, dass er nicht seine unmittelbare Umgebung ausbeutet, um seine materiellen Ziele zu erreichen. Dank seiner Taktik und Weitsicht vermeidet er so eine Revolution.
Das orange Wertmem liegt aber in pathologischer Form vor, was heißt, dass auch seine negativen Seiten sehr deutlich zu Tage treten.
Neben den egozentrischen roten und orangen Wertmemen sind wegen der Globalisierung, die die Welt mehr und mehr aus den alten Fugen bzw. Grenzen wirft, auch zunehmend gelbe, sehr flexible, aber auch egozentrische Verhaltensweisen. Das Problem der Kinderarbeit beispielsweise löst man nicht nach ethischen Grundsätzen, sondern man orientiert sich an der Akzeptanz von Kinderarbeit zur jeweiligen Zeit. Da Kinderarbeit zur Zeit geächtet wird, wird dieses Verhalten als Unternehmensethik bezeichnet.
Kritiker werfen ihr hier allerdings vor, aus demselben pathologischen orangen Wertmem heraus zu handeln, um eventuell wirtschaftlich schädliche grüne Einwände zu entkräften. Solche soziale, grün geprägte Kritik an den Vorgehensweisen der Wirtschaft werden als nett gedacht , aber hoffnungslos romantisch und realitätsfern abgetan.
Für den vierten Quadranten, den individuell körperlichen, haben wir das arische Ideal des dritten Reiches gewählt. Davon ausgehend soll das ganze Dritte Reich als komplettes, in sich geschlossenes System auf Wertmeme hin untersucht werden.
Die nationalsozialistische Kultur prägte das Schönheitsideal zur damaligen Zeit. Hitler nutzte die Interdependenz zwischen individueller Selbstwahrnehmung und dem rechten, oberen Quadranten und nutzte ideell deterministisch körperliche Äußerlichkeiten, um mit Hilfe der so genannten Rassenlehre dem Volk eine vom violetten Wertmem geforderte Identifikation mit dem eigenen ,,Stamm`` auch auf physischer Ebene zu ermöglichen. Gleichzeitig griff er mit dem Erzeugen eines pauschalisierten Feindbildes (bestimmte Attribute wurden dem Judentum zugeordnet) auch auf einfache, weniger komplexe violette Denkschemata zurück.
Um ein diktatorisches Regime systematisch zu installieren, war es zunächst erforderlich, die Unzufriedenheit des deutschen Volkes in Akzeptanz für den Nationalsozialismus umzumünzen. Der vom roten Wertmem dominierte Hitler bediente sich dafür verschiedener propagandistischer Mittel und legte besonders viel Wert auf das violette Mem, das zwar im Laufe des Mittelalters zunehmend durch neue Wertmeme ergänzt, jedoch immer noch latent vorhanden war - das Wertmem-Profil paßt sich demnach aktuellen Umständen an, so daß prinzipiell auch eine evolutionäre Regression möglich ist: der jährlich pompös zelebrierte Reichsparteitag in Nürnberg beinhaltete beispielsweise alle Merkmale eines ritualisierten Kultes; durch die zur Schau gestellte Uniformität wurde der Eindruck von Zusammengehörigkeit und Unbesiegbarkeit vermittelt. Diese violette und partiell auch blaue Orientierung erstreckte sich über sämtliche Gesellschaftsbereiche.
So wurde das Individuum von Kindesbeinen an der Ideologie entsprechend in den verschiedenen Institutionen konfiguriert (s. Hitlerjugend) und für die Pläne Hitlers präpariert. Hitler betrachtete den Menschen als violettes Herdentier und verstand es bestens, diesen Kollektivismus auszunutzen und sich selbst mittels moderner Propaganda zum Leitwolf einer ,,Herrenrasse`` zu stilisieren. Mit dem Reichsministerium für ,,Volksaufklärung und Propaganda`` installierte er später sogar ein ideales Medium, um eine absolutistische Meinungsdiktatur einführen und das Volk auf diese Weise für sich instrumentalisieren zu können.
Es wird an dieser Stelle schnell deutlich, wie unmittelbar die kollektiven mit dem individuell inneren Quadranten korrespondieren: Durch Propaganda und erste politische Erfolge wie den Rückgang der Arbeitslosigkeit hat Hitler den Einzelnen für sich gefügig gemacht. Anschließend konnte die Kultur grundlegend revolutioniert werden - notfalls auch mit Hilfe abstruser Gesetzgebungen. So wurden Bücher unter Volksfeststimmung (violettes Mem) verbrannt, die Werke nichtarischer Künstler wurden mit dem Titel einer Münchner Ausstellung, ,,Entartete Kunst`` als abnormal deklariert und durch eine arische Kunst ersetzt - insbesondere der Film wurde von Hitler zur Indoktrination verschiedener Werte wie Fleiß, Disziplin und Aufopferungsbereitschaft (blaues Wertmem) genutzt, die in Kriegszeiten besonders bedeutsam waren. Auch wenn diese kulturelle Gradwanderung äußerst rabiat erscheint, so hat sie sich dennoch den Interdependenzen folgend eindeutig auf das individuelle Bewusstsein im oberen, linken Quadranten niedergeschlagen und zu einer extremen Moralverschiebung geführt. Denn der Patriotismus konnte durch einfache Mittel so weit geschürt werden, dass die individuelle Hemmschwelle vor dem Morden dem angezettelten Judenhass zum Opfer gefallen und einer menschenlebenverachtenden, funktionalen Ethik gewichen ist, die mit systematisch-orangenen Massenvernichtungsmitteln Leben zerstört.
Die violette Stufe begünstigte folglich eine Diktatur, denn insbesondere eine Figur, die durch Ausleben des evolutionär fortgeschritteneren roten Wertmems polarisiert, sticht einerseits durch neurotische Profilierungssucht, andererseits durch ,,blut``-roten Eroberungswillen aus der breiten Masse heraus und kann sich die violette Tendenz zur Hierarchisierung leicht zunutze machen.
Mittlerweile dominiert jedoch eine Mischung aus dem orangenen und dem grünen Wertmem das gängige Weltbild in Deutschland. Damit einher geht eine wesentlich komplexere Selbstreflexion des Individuums, die hoffen läßt, dass - sofern es nicht durch radikale Veränderung der Umstände erneut zu einer Regression kommt - ein derart unausgewogenes Gesellschaftsmodell wie die Diktatur im Dritten Reich in weite Ferne gerückt ist.
Gerade in Zeiten der atomaren Aufrüstung wird eine globale Lösungsfindung immer wichtiger. Denn je größer die Kluft zwischen der mächtigen Ersten Welt und der ressourcenliefernden Dritten Welt wird, desto wahrscheinlicher treten in absehbarer Zeit lebensbedrohliche Rückkopplungsprozesse auf. Dies gilt es zu vermeiden, und Spiral Dynamics bietet hierfür interessante Ansätze. Während sich oberflächliche Kategorien wie Nationalität oder Hautfarbe bei der Analyse von Problemen zunehmend als unzureichend erweisen, bietet Spiral Dynamics die Möglichkeit, Einstellungen auf psycho-sozial determinierte Wertmeme zurückzuführen.
Diese Erkenntnis läßt sich auf das politische Geschehen übertragen, wo grün dominierte Entwicklungshelfer in Ländern der Dritten Welt innerhalb kürzester Zeit ein demokratisches System installieren wollen, dabei aber völlig vernachlässigen, daß violette Ureinwohner in einer mystischen Welt leben, die nach gänzlich anderen Werten, Regeln und Prinzipien funktioniert; genauso gut kann Spiral Dynamics aber auch in anderen Disziplinen wie der Psychologie zur Anwendung kommen. Dabei ist es wichtig zu erkennen, daß jedes Individuum im täglichen Leben auf ein komplexes Set von Wertmemen zurückgreift, das situativ, d.h. je nach flukturierenden Lebensbedingungen veränderlich ist. Ziel sollte es sein, ein Milieu zu schaffen, das der gesunden Differenzierung und Entwicklung des gesamten Wertmem-Spektrums förderlich ist.
Spiral Dynamics erweist sich also als eine Theorie, die zwar die Welt nicht neu erfindet, aber den Forschungsstand der letzten Jahrzehnte zur psycho-sozialen Evolution praxisorientiert zusammenfaßt und somit einer breiteren Masse zugänglich macht, die lernt, Meinungsverschiedenheiten zu analysieren und dieses Wissen für Konfliktsituationen zu nutzen.