next up previous
Next: Spiral Dynamics - a Up: Dokumentation Previous: Das Integrations- und Reflexionsvermögen

,,Dass ich erkenne, was die Welt, im Innersten zusammenhält`
(Faust I)

Hans Georg Seedig, Daniel Dressler, Andreas Haupt

In vollem Umfang können wir Faust sicherlich keine Antwort geben, aber - und genau da hilft uns unsere erlernte Theorie - wir können den Versuch unternehmen, ihm ein Modell zu erläutern und an die Hand zu geben, das die Welt in einen stabilen Rahmen einfügt, das sie also im Äußersten zusammenhält. Dieses im Kurs besprochene Modell soll im folgenden präsentiert und mit Hilfe von Beispielen und weiterführenden Gedanken zugänglich gemacht werden.

Betrachten wir die menschliche Zelle als ein Basismuster, das im Aufbau mit der darzustellenden Theorie korrespondiert. Ihre (bisher bekannte) kleinste Einheit sind subatomare Teilchen, welche sich zu Atomen zusammenschließen, die ihrerseits Molekülstrukturen ausbilden. Aus diesen Molekülen sind die kleinsten biologischen Formen - die Zellorganellen - aufgebaut. Die zu betrachtende Zelle besitzt zahlreiche dieser Organellen und ist auch selbst wieder Teil eines größeren Ganzen, zum Beispiel eines Organs. Der menschliche Körper ist aus solchen Bausteinen zusammengesetzt. Diesem Aufbauprinzip folgen zahlreiche weitere Strukturen und Systeme unserer Welt; so sind Menschen in Familien, Familien in Sippen, Sippen in Völkern, Völker in Staaten, Staaten in Staatengemeinschaften integriert, welche wiederum zu einer Weltgemeinschaft zusammengefasst werden. Das grundlegende Prinzip dieser Entwicklung hin zu komplexeren, umfassenderen Formen nennt man Holarchie.

\begin{figure}
\begin{center}
\epsfig{file=kurs753Fig1.eps, width=8cm}
{\sm...
...spiel
der Holons in den verschiedenen Quadranten.}
\end{center}
\end{figure}

Der Begriff ,,Holarchie`` besagt, dass alles in unserer Welt ein Teil eines größeren Ganzen, eines sogenannten ,,Holons`` ist. (Der Name ,,Holon`` leitet sich aus dem griechischen Wort ,,holos`` ab, was soviel heißt wie ,,Ganzheit``.) Auf der anderen Seite ist es auch selbst ein Holon, ein Ganzes, das aus kleinen Teilen zusammengesetzt ist. Auf dem Weg von einer Stufe zur nächstkomplexeren gehen die ,,kleineren`` Teile keineswegs verloren, sondern werden in das neue Gefüge integriert. Geht man davon aus, dass die zuvor genannten ,,äußerlichen Ganzheiten`` (zum Beispiel die Organe) auch jeweils eine Innenseite haben, eine Erfahrungs- oder Bewusstseinsseite, die sowohl in der Einzahl, wie auch in der Mehrzahl vorhanden ist, so kann man feststellen, dass auch die Bewusstseinsinhalte der einen Stufe sich zu einem Gesamtbewusstsein der nächsten Stufe integrieren.

Die Holarchie bezieht sich nicht allein auf die Bereiche von Bewusstsein und Körper, sondern kann ebenso auf das kollektive Bewusstsein (Kultur) und kollektive Körperschaften (Gesellschaft) bezogen werden. Die groben Übergänge lassen sich leicht am obigen Schaubild erkennen.

Die integrale Theorie lässt sich anhand dieses Modells sehr gut nachvollziehen. Die Punkte auf den Diagonalen stellen Holons dar, die in wechselseitiger Beziehung zu den ihr jeweilig zugehörigen anderen Holons in den übrigen Quadranten (2-2-2-2; 3-3-3-3...) stehen. Damit wird die Gesamtheit der Beziehungen zwischen den einzelnen Quadranten und auch die Logik ihrer jeweiligen evolutionären Entwicklung skizziert. Eine Besonderheit im oben vorliegenden Schaubild der Integralen Theorie ist die Zusammengehörigkeit der ersten sechs Wertmeme bzw. Holons; alle folgenden Wertmeme gehören zu einer höheren Stufe (ev. second tier). Die Probleme, die in der ersten Stufe gelöst wurden, können in erhöhter Komplexität auf der zweiten Stufe wiederkehren - die Problemlösungskomplexität nähme dann folglich ebenso zu.

Die Spiral-Dynamic-Theorie

Im Spiral-Dynamic-Modell (siehe Einleitung) wurden die Ergebnisse von Untersuchungen am linken unteren Quadranten festgehalten. Zwar bezieht sich die Theorie in erster Linie auf den Gesellschafts-, Kultur- und Kommunikationsbereich, also kurz das Kollektiv im Inneren, steht aber auch mit den drei übrigen Quadranten in wechselseitiger Beziehung und beeinflusst diese dadurch indirekt. Zum besseren Verständnis des Schaubilds bedarf es einer exakten Definition der Bedeutung des Kunstwortes ,,Mem``. Analog zu der Biologischen Grundeinheit ,,Gen`` steht das Mem - in Anlehnung an ,,memoria`` oder ,,memory`` - für die kleinste kulturelle Einheit. Alles und Jedes, was wir in der Welt um uns herum wahrnehmen, ist für jeden einzelnen von uns mit Memen geradezu übersät. Diese Meme, Assoziationen, die wir zu allem um uns herum haben, bestimmen unser Leben und basieren auf einem grundlegenden Attraktor, dem sogenannten ,,Wertmem``, der Grundstruktur einer Weltsicht. Der Spiral Dynamics - Theorie folgend gibt es heute nur eine begrenzte Anzahl von Wertmemen (genau genommen acht), die sich im Laufe der Evolution ausgeprägt haben.

Farbe des Wertmems Charakterisierung Auswirkungen
beige Instinkt
Arterhaltung als oberstes Lebensziel, der Mensch als Herdentier, Naturabhängigkeit
violett Klan-Orientiert
hierarchisches, mystifiziertes Clandenken zwecks Harmonie und Sicherheit
rot Egozentrisch
Freude am Selbstgenuss, Impulsivität
blau Sinnerfüllt
Loyalitätstreue, Selbstbeherrschung, Frömmigkeit, Solidarität
orange
Strategisch-Innovativ-Materialistisch
wissenschafts- und ergebnisorientiert, die Welt als rationaler, durchschaubarer Mechanismus, wettbewerbsorientierte, pragmatische Herrschaft
grün
Sozial-Pluralistisch
Kollektivverantwortung, Demokratieverständnis, kommunikativ, Relativismus
gelb
Systemisch-Liberal-Funktional
Integratives Prozessverständnis ( $ \rightarrow$ Globalverantwortung), persönliche Unabhängigkeit ( $ \rightarrow$ Flexibilität), Informationsgesellschaft, Individualität
türkis Global-Integrativ
soweit absehbar: Integration auf Makroebene
Abb. 2: Wertmeme

Phase 1 - BEIGE (ÜberlebensSinn):

Reflexhaftes, instinktives Handeln treibt den Mensch zur Befriedigung seiner existentiellen Bedürfnisse an. Dieser hat dabei ein noch kaum ausgeprägtes Selbst, unterscheidet sich diesbezüglich also nur wenig vom Tier. Die Kommunikation dient der Überlebenssicherung. Als ,,Organisationsform`` gilt das Recht des Stärkeren. Die Fähigkeit, vorauszudenken und in die Zukunft zu planen, ist noch nicht ausgeprägt.

Phase 2 - VIOLETT (SippenGeister):

Es entwickelt sich eine Haltung, die in allen Bereichen des Lebens auf das Erfüllen der Begehren mystischer Geisteswesen abzielt. Die Menschen organisieren sich in fest zusammengehörigen Clans, in denen Treue gegenüber den Alten und das Wahren der Sitten besondere Priorität hat. Heilige Stätten und Objekte, sowie Rituale erlangen in der Gesellschaft einen besonderen Stellenwert. Es bildet sich erstmals ein fest zusammengehöriges Kollektiv, dem sich die Einzelmenschen unterordnen, um durchzuhalten und Sicherheit zu finden. Möglicherweise zeigen sich auch erste Ansätze, mit den Mächten der Natur in Harmonie zu leben.

Phase 3 - ROT (MachtGötter):

In einer Welt der Armen und Reichen ist es gut, reich zu sein. Es gilt, Schande zu vermeiden, seinen Ruf zu verteidigen und Respekt einzufordern. Impulse und Sinne werden in dieser Gesellschaft sofort befriedigt. Gleichzeitig wird ohne Gnade und ohne Schuldgefühle gekämpft, um Einschränkungen zu durchbrechen. Die Gesellschaft, wie auch jeder Einzelne reflektiert aus der Grundhaltung heraus, dass mögliche Konsequenzen vielleicht nie eintreten würden, nicht über ihre beziehungsweise seine Handlungen.

Phase 4 - BLAU (WahrheitsKraft):

Die Gesellschaft beginnt, nachdem sie sich aus der 3.Phase, die an ihren Schwachstellen (übermäßige Impulsivität, Aggression) scheiterte, hinausbewegt, nach dem Sinn und Zweck des Lebens zu suchen. Man möchte, nach der durch Kraft und Gewalt dominierten 3. Phase, sich bewusst einer höchsten Direktive unterordnen, um so Ordnung und Stabilität in die Dinge und so in sein Leben zu bringen. Impulsivität wird bewusst kontrolliert, Schuld akzeptiert und auf sie reagiert. Vielleicht lässt sich diese Phase mit der des Biedermeier in Deutschland verdeutlichen, in der sich jeder Bürger - zugegeben teilweise gezwungenermaßen - dem herrschenden System unterordnete, um nach den Kriegs- und Aufstandsjahren wieder ein wenig Ruhe in sein Leben zu bringen. Es galt - und das ist signifikant für die 4. Phase - die Prinzipien des rechten Lebenswandels strengstens einzuhalten, das heißt sich bewusst zu sein, einen zugeschriebenen, im religiösen Sinne einen durch eine höhere, göttliche Macht zugewiesenen Platz einzunehmen, und diesen dann, und nicht seine eigenen Begierden, als für sich letztlich maßgeblich zu betrachten. Aber auch dieses System hat seine Schwachstellen, so gut es auch für bestimmte Bereiche und Lebenssituationen ist; Fortschritt und die wirtschaftliche Weiterentwicklung kamen in diesem System ins Stocken. Das System, im Prinzip jedes bisher bekannte System, ist sich daher selbst der größte Feind, da es die Probleme der vorherigen Phase lösen kann, aber selbst wieder Probleme aufwirft, für die ein neues System notwendig ist. Aus dieser Erkenntnis heraus lässt sich ein geschlossenes Evolutionsmodell nicht mehr tragen; aus diesem Grund ist Spiral Dynamics ein nach oben offenes Modell, dass keiner Stufe eine universale Brauchbarkeit zuschreibt.

Phase 5 - ORANGE (StrebensDrang):

Die Menschen streben in dieser Phase nach Erfolg und Unabhängigkeit. Um dies zu erreichen entwickeln sie Strategien, die in empirischen Sinne auf gemachten Erfahrungen beruhen. Sind noch keine für gut befundenen Erfahrungen vorhanden, versucht man, durch Austesten die besten Lösungen herauszufinden. Dabei werden kalkulierte Risiken eingegangen, um die Chancen zu nutzen. Es herrscht der Glaube, dass der der an sich glaubt und seine Gelegenheiten ergreift Erfolg haben wird. Zwar sucht jeder den eigenen Erfolg, doch soll der Fortschritt allen zu Gute kommen, und um ihn zu erreichen, werden auch die hierarchischen Strukturen durchlässiger für Kommunikation von unten nach oben.

Phase 6 - GRÜN (MenschenBund):

Die Menschen haben in dieser Phase erkannt, dass menschliche Wesen eine Gemeinschaft bilden sollten. Damit diese Gemeinschaft funktionieren kann muss man zunächst das Innere sowohl von einem selbst, wie auch das der Gemeinschaft erkunden. Es gibt keine Führer, Entscheidungen werden ausschließlich durch Konsens erzielt. Die Ressourcen der Gesellschaft werden unter allen aufgeteilt. Ziel ist es weiterhin, die Menschen von Gier und Dogmen zu befreien und dadurch die Spiritualität zu erneuen und eine neue Form der Harmonie herbeizuführen. Ein übertriebenes Motto könnte sein: ,,Frieden und Liebe für alle`

Phase 7 - GELB (FlexFluss):

Wie schon beschrieben, bilden die ersten sechs Phasen gewissermaßen eine Stufe (man bezeichnet sie als first tier), ab der siebten Phase, die also den Beginn der second tier darstellt, treten (vermutlich) alle Probleme, die in der first tier gelöst wurden, in veränderter Charakteristik in der second tier nochmals auf. Die erste Phase der second tier besitzt einen ähnlichen Probleminhalt, wie die erste Phase der first tier. Da aber alle Phasen bis zur siebten unweigerlich durchlaufen wurden, und damit auch alle ihre Erfahrunge in der siebten inhärent sind, besitzt die Gesellschaft in der siebten Phase die Fähigkeit, teilweise ,,über den Dingen zu stehen.`` Die Unvermeidbarkeit der Ströme und Formen der Natur wird akzeptiert, der Fokus wird auf Funktionalität, Kompetenz, Flexibilität und Spontaneität gelegt. Es wird auch eine natürliche Mischung von widersprüchlichen Wahrheiten und Ungewissheiten gefunden. Es muss allerdings gesagt werden, dass diese Art der Weltsicht bis heute nur in Ansätzen vorhanden ist.

Phase 8 - Türkis (globale Sicht):

Ist schon die siebte Phase sehr wenig ausgeprägt, so kann man von der achten Phase behaupten, dass sie nur in Nuancen angedeutet, dass sie im Prinzip noch sehr futuristisch ist. Diese Phase lässt sich wohl am ehesten als ein idealer Globalismus vorstellen; alle Kompetenzen arbeiten zusammen, um ein oder mehrere Ziele, beziehungsweise Probleme oder Gefahren, die die Weltgesellschaft bedrohen, zu eliminieren. Das innere der Welt kennen wir damit immer noch nicht, aber die Welt des Inneren ist uns mit diesen Theorien um einiges klarer geworden.
next up previous
Next: Spiral Dynamics - a Up: Dokumentation Previous: Das Integrations- und Reflexionsvermögen