Um den Bezug zur Kunst neben den zahlreichen erarbeiteten philosophischen Ansichten nicht zu verlieren, wollen wir diese anhand eines Kunstwerkes genauer nachvollziehen. Hierzu wählten wir das bekannte Werk Picassos - ,,Guernica`` - aus.

Pablo Picasso (1881 - 1973) war ein spanischer Maler, der 1937 Guernica als Auftragsarbeit für die Weltausstellung in Paris anfertigte. Das Bild hat die Leinwandgröße von 351 x 782 cm, ist in Öl gemalt und im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen. Es ist vollständig in den Tönen Schwarz, Weiß und Grau gestaltet (9).
Die Kriegsgräuel des spanischen Bürgerkrieges (1936 - 1939) werden am Beispiel des baskischen Dorfes Guernica, welches durch einen Fliegerangriff völlig zerstört wurde, gezeigt.
Um diese barbarische Vernichtung zu kommentieren, verwendet der Künstler im kubistischen Stil eine Folge symbolischer Bilder, wie ein verendendes Pferd, ein gefallener Soldat, eine Mutter mit ihrem toten Kind, eine Frau, die in einem brennenden Gebäude gefangen ist, eine Figur, die in die Szene stürzt und dergleichen mehr.
Des weiteren behaupten Interpreten bestimmte versteckte Symbole entdeckt zu haben. Dazu zählen zum Beispiel ein Totenschädel, ein Kuhkopf und verschiedene Harlekins.
Hier kann Susan Sontags Kritik angeführt werden, die eine den Inhalt verändernde Interpretation ablehnt. Ihrer Meinung nach müsse eine gekonnte Symbiose zwischen inhaltlicher und formaler Analyse eines Kunstwerkes gefunden werden. Dabei fordert sie eine Erotik der Kunst, d.h. eine sinnliche Wahrnehmung, welche von individuellen ästhetischen Erfahrungen des Einzelnen beeinflusst werde. Ein Kunstwerk solle über Empfindung und nicht durch Überbetonung des Inhaltes rezipiert werden, wobei entgegen Sontag annehmbar ist, dass eine eingeschränkte Interpretation verborgener Elemente durchaus gerechtfertigt sein kann (10). So wird allein durch den Titel ,,Guernica`` eine Interpretation nahegelegt ohne die das Kunstwerk nicht vollständig verstanden werden kann. Auf die Bedeutung des Titels weist auch A.C. Danto hin (11). Er meint dazu, dass der Titel eines Werkes erst auf wesentliche Merkmale aufmerksam macht und den Rezipienten beim Betrachten und in seiner Interpretation in gewisser Weise lenkt.
In der Untersuchung ist weiterhin auffallend, dass es sich bei dem Kunstwerk um ein überdurchschnittlich großes Gemälde handelt, welches aus gewohnter Entfernung nicht vollständig zu erfassen ist. Nach Aristoteles (12) beruht jedoch Schönheit auf Umfang und Ordnung, was den Schluss nahe legt, dass Picassos Werk nicht als schön zu bezeichnen ist.
Die Größe des Bildes macht es dem Rezipienten unmöglich, es in einem Blick zu überschauen. Der Blick des Betrachters wird nicht eindeutig über das Kunstwerk gelenkt, sondern fixiert besondere Details. Durch die Auflösung der gewöhnlichen Perspektive und gleichzeitigen Abbildung verschiedener Perspektiven ist keine unmittelbare Ordnung erkennbar. In seinem Text beschreibt Aristoteles diesbezüglich das Beispiel eines 10 000 Stadien großen Lebewesens, das nicht als schön gelten kann, da die Ganzheit dem Betrachter aus dem Gesichtsfeld entschwinde (13).
Dem ist zu entgegnen, dass laut Platon (14) das Passende selbst das Schöne sei und in diesem Zusammenhang der Umfang dem Thema des Kunstwerks eindeutig angemessen ist. Der Krieg muss aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, um seine Gesamtheit zu verstehen. Insofern ist tatsächlich eine überdimensionale Darstellung in Form von Größe und Schrecken von Nöten, um die komplexe Wahrnehmung des Krieges deutlich zu machen.
Schwieriger wird die Einordnung bei Kant (15). Dieser unterscheidet zwischen Schönheit, dessen Voraussetzung interesseloses Wohlgefallen ist, dem Angenehmen, welches mit Interessen verbunden ist sowie dem Guten, das in Zusammenhang mit der Vernunft steht. Hierbei stellt sich die Frage, in welche Kategorie sich dieses Kunstwerk einordnen lässt. Betrachtet der Rezipient es mit Interesse und empfindet dabei Unlust, ist das Kunstwerk ihm dann unangenehm und nicht schön? Lobt er Picassos Komposition und Farbwahl, bewertet er es dann als gut? Und schließen sich die Begriffe gegenseitig aus? Diese Fragen führen zu dem Schluss, dass der Betrachter erkennen soll, wodurch er zu einem Urteil gekommen ist. Also versteht er, wie er das Kunstwerk betrachtet hat.
Schon an diesen wenigen Beispielen ist erkennbar, dass es sich komplex und schwierig gestaltet, die zum Teil gegensätzlichen philosophischen Ansichten auf ein Kunstwerk zu übertragen. Zusätzlich ist dies nur teilweise fruchtbar. Auch handelt es sich oft um schwer nachvollziehbare, in metaphysische Ebenen abgleitende Betrachtungen der Kunst, die nicht ohne weiteres in die Praxis übertragbar sind. Beispielsweise ist die Unterscheidung Heideggers (16) in Welt und Erde, Ding und Zeug verbunden mit dem Stoff - Form - Gefüge schwer auf praktische Kunstbetrachtung anzuwenden. Auch Goodmans (17) theoretische Betrachtung über Sprache, Symbolsysteme und Kunst entbehrt teilweise einer für die Kunstbetrachtung nötigen Bodenständigkeit.
So bleibt uns der Großteil der Erkenntnis verborgen und wir können nur erahnen, welche weiten Welten die Kunstphilosophie beschreitet.