Ist nicht jeder Mensch mehr oder weniger Ästhet? Urteilen wir nicht alle über Schön und Hässlich? Reden wir nicht alle von Kunst?
Natürlich tun wir das, oder?
Der Philosoph Alexander Gottlieb Baumgarten vertrat hierbei eine andere Meinung.
Er lebte zur Zeit der Aufklärung und gehörte der Leibniz - Wolffschen Schule an, die dem Rrationalismus zugeordnet wird. In seinem Buch ,,Aestetica`` beschäftigt sich Baumgarten in der Einleitung(§§ 1 - 17) mit der Ästhetik als dem der Vernunft analogen Denken, in den Paragraphen §§ 18 - 27 mit dem Schönheitsbegriff und in den Paragraphen §§ 28 - 46 mit der natürlichen Ästhetik.
Seiner Ansicht nach sei Ästhetik eine Wissenschaft sinnlicher Erkenntnis (vgl. §§ 1,2). Weiterhin behauptet er, dass die ungeordneten Sinneseindrücke durch die Ästhetik zur Wahrheit werden (vgl. § 7). Vervollkommnung der sinnlichen Erkenntnis sei Schönheit (vgl. § 14), wenn Ordnung der Dinge und der Zeichen (in den Gedanken) übereinstimmen (vgl. § 18). Bleibt die sinnliche Erkenntnis unvollkommen, so handle es sich um Hässlichkeit (vgl. § 14). Schönheit wiederum kann der Ästhetiker erkennen, womit er seine angeborenen Fähigkeiten schult. Entsprechend unterscheidet Baumgarten in seiner Schrift zwischen angeborener und erworbener Ästhetik. Die Angeborene unterteilt er wiederum in ein oberes und unteres Erkenntnisvermögen ein. Das untere umfasse Sinneswahrnehmungen, Phantasievermögen, natürliche Veranlagung zur durchdringenden Einsicht, Gedächtnis, dichterische Anlage, Veranlagung zum guten Geschmack, seherische Fähigkeiten und die Fähigkeit, die Vorstellung auszudrücken ( vgl. § 30 - § 37), während das Obere Verstand, Vernunft sowie Abstraktionsvermögen und Temperament beinhalte (vgl. § 38 - 46). Beide hängen insofern zusammen, dass das Obere das Untere ausbilde (vgl. § 42). Baumgarten sagt weiter, es gebe ausschließlich eine angeborene Ästhetik, so dass die Fähigkeiten eines Ästhetikers nicht erlernbar aber doch durch Übungen ,,trainierbar`` also erwerbbar seien.
Davon ausgehend scheint es nachvollziehbar, dass gewisse Veranlagungen durchaus angeboren sein, allerdings in der Entwicklung eines Menschen ausgebildet werden müssen und können. Insofern sind die Umgebung und die damit verbundenen Einflüsse ausschlaggebend für die Ausbildung eines ästhetischen Feingefühls.
Als Beispiel kann ein Kind mit musischer Veranlagung angegeben werden, welches diese nicht ausbildet, also nicht zum Musiker wird. Auf der anderen Seite kann ein Kind ohne besondere Veranlagung trotz massiver Ausbildung nicht zu einem Musiker hohen Formats werden.
Auch die Elemente der angeborenen Ästhetik können im Einzelnen kritisiert werden. Beispielsweise erscheint es fragwürdig, ob ein guter Geschmack veranlagt sein kann. Auch die seherische Veranlagung muss in diesem Zusammenhang näher interpretiert werden. Es stellt sich die Frage, wie das zukunftsgerichtete Sehen zu verstehen ist. Muss folglich ein Ästhetiker Avantgardist sein, so dass er den zukünftigen Wert eines Kunstwerkes erkennen können muss? Ist demnach ein Ästhetiker dessen Weissagung sich nicht erfüllt, kein Ästhetiker mehr?
Auch das differenzierte Empfindungsvermögen ist als Vorraussetzung kritisierbar. So ist zwar die Empfindung angeboren, jedoch vollzieht sich die Differenzierung erst im Laufe der Genese. Das Gleiche trifft auf Vorstellungsvermögen, dichterische Anlagen, Gedächtnis, Ausdrucksvermögen und Scharfsinn zu. Bei letzterem erscheint auch die Zuordnung zu unteren Erkenntnisvermögen unklar, da Scharfsinn der Vernunft und dem Verstand verwandt zu sein scheint. Weiterhin stellt sich die Frage, ob für Baumgarten schon einige der genannten Elemente für einen Ästhetiker ausreichend sind, oder ob er die vollständige Veranlagung besitzen muss.
Diesbezüglich erscheint es paradox, dass nach empirischer Beobachtung auch Nicht-Ästhetiker Kunst erkennen. Denn nach Baumgarten entspreche die Leistung des Ästhetikers im Erkennen der Schönheit, was bedeutet, dass nur er sie erkennen kann. Jedoch wird Kunst auch von der Allgemeinheit der Rezipienten als solche bezeichnet, ohne dass ein Ästhetiker die Kunst vorher gekennzeichnet hat. Deswegen ist auch vorstellbar, dass bereits eine allgemeingültige Vorstellung von Schönheit existiert, die aber aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen nicht genau definiert werden kann.
Zum ersten Abschnitt des Textes ist zu kritisieren, dass Baumgarten bei der ästhetischen Betrachtung der Vernunft den höheren Status zuspricht. Beim Betrachten eines Kunstwerkes läuft aber zeitlich geordnet zuerst die sinnliche Wahrnehmung, dann die Empfindung und darauf basierend erst die Verarbeitung mit dem Verstand und der Vernunft ab. Somit müsste in Anbetracht der aufklärerischen Geschichtsepoche, in der sich ein jeder seines Verstandes bedienen sollte, auch jeder Mensch mehr Ästhetiker als Nicht-Ästhetiker sein. Da weiterhin festgestellt wurde, dass auch Baumgartens unteres Erkenntnisvermögen in jedem zum Teil vorhanden ist, kann also behauptet werden, dass wir tatsächlich alle einen Sinn für Ästhetik haben und dass dieser nicht nur wenigen Leuten vorbehalten ist.
Dies scheint auch in Hinsicht auf die Suche nach einer allgemeingültigen Schönheitsdefinition sinnvoll zu sein, da ein die Schönheit betreffendes Urteil nicht von Wenigen für Viele getroffen werden sollte. Was wäre auch der Sinn eines Kunstwerkes, das nur ein ausgewählter Kreis von sich selbst ernannten Ästheten verstehen könnte?
Natürlich darf sich niemand anmaßen, bezüglich eines Kunstwerkes einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben, aber oft entsprechen unsere Sinneseindrücke einander. Letztendlich urteilen wir so alle über Schön, Nichtschön und die Kunst.
Schweizer, H.R. (Hrsg.): Theoretische Ästhetik. Die grundlegenden
Abschnitte der Ästhetica. Hamburg: 1983