Gegenstand unserer Betrachtung ist eine Bronzeskulptur des schweizer Künstlers Alberto Giacometti (1901 - 1966): ,,Le Chariot``. Eine Frauenfigur aus golden lackierter Bronze steht auf einem kleinen Plateau, getragen von einem großen, einachsigen Wagen. Dieser wiederum ruht auf zwei Sockeln.
Es ist natürlich möglich, zunächst auf Giacomettis Kunst im allgemeinen, sowie die Werkspezifische Aussage im besonderen einzugehen, hernach die Behauptungen durch Analyse diverser Formelemente zu beweisen. Man könnte ebenso das eine oder andere Kunstlexikon nach dem vorliegenden Werk befragen. Es ist jedoch zweifelhaft, ob man dem Kunstwerk damit gerecht wird.

Die amerikanische Philosophin Susan Sontag ( *1933) fordert in ihrem Essay ,,Against Interpretation`` (4) die Abkehr vom überinterpretieren, sprich von einem hineindeuten werkfremder Inhalte (welche dann als eigentlicher Gehalt bezeichnet werden). Sontag fordert im Gegenzug eine ,,Erotik der Kunst`` (5), welche auf der sinnliche Erfahrung basiert. Das Kunstwerk soll aus sich wirken und als solches respektiert werden. Eine Zerstückelung des Werkes in Einzelteile, welche vom Interpretierenden neu geordnet und in einen bestimmten Sinnzusammenhang gebracht werden bezeichnet Sontag sogar als ,,Vergewaltigung`` (6).
Unser Ziel ist damit nicht mehr die streng rationale, objektive Analyse einer Skulptur, sondern vielmehr versuchen wir, das Werk über das ,,sinnliche`` Versenken auf uns wirken zu lassen.
Stellen wir uns einen hellen, weiten Raum vor. Der Boden aus dunklem Parkett, das Dach verglast, so dass das Licht von oben auf die Skulptur inmitten des Raumes fällt. Als einziges Möbelstück eine Bank, nicht zu hart, sondern mit weichem Leder bespannt. Jetzt hat ,,le Chariot`` also einen Rahmen erhalten, der ihn wirken lässt, ohne ihn einzugrenzen.
Platz genommen? Nun denn.
Was zunächst auffällt, ist der langgestreckte Körper. Natürlich mag man anmerken, dass dies ja bei einem Werk von Giacometti kaum verwunderlich ist, dass der Künstler berühmt ist für jene schlanken Formen. Wir aber wollen uns das Überraschungsmoment erhalten, die Verwunderung und die Faszination. Die Frauengestalt wirkt durchscheinend, eine unmenschliche Leichtigkeit scheint sie zu durchdringen. Die goldene Färbung gibt ihr etwas mystisches ... sie wirkt zugleich statisch ruhend, und dennoch scheint es, als wolle sie ihre Arme ausstrecken und uns zu einer Art Tanz auffordern. Der eine Fuß ist vorgestellt. Schreitet sie? Verharrt sie? Man hat den Eindruck, als wäre die Skulptur eine höchst fragile Momentaufnahme.
Wenden wir unseren Blick nach unten. Der Wagen ist schmucklos, reduziert auf eine podestartige Platte sowie zwei vierspeichige Räder. Eine einfache und durchsichtige Konstruktion. Die überdimensionierten Reifen sind ähnlich schmal wie die Silhouette der Figur. Ähnlich wie die Frau scheint der Wagen zu schweben, und tatsächlich hat er, wie ein Blick zu Boden zeigt, keinen Bodenkontakt. Vielmehr stehen die Räder des Wagens auf zwei Sockeln, die in ihrer Massivität mit dem Wagen kontrastieren.
Silhouette und Reduktion lassen die Skulptur unwirklich erscheinen, der Welt entrückt. Das ,,nach oben strecken`` der Frau wird für den Betrachter verstärkt durch die sich nach unten verbreiternde Form des Wagens (Räder und Sockel). Im Zusammenspiel beider Teile der Skulptur, sprich Figur und Wagen, entsteht eine Konstellation, welche Wagen und Frau aus der Sicht des Betrachters im Spannungsfeld zwischen Ruhe und Bewegung verharren lässt. Man ist geneigt, auf die Folge der Armbewegung zu warten, auf das Losrollen des Wagens. Und trotz dieser Spannung ist die Ruhe, die dieses Werk ausstrahlt, offensichtlich: eine Art Gewissheit, dass sich die Figur eben nicht bewegen kann, das stille Verharren nimmt der Figur auf dem ,,Streitwagen`` die Bedrohlichkeit.
Erheben wir uns von unserer Bank. Der Balanceakt zwischen Schweben und Schwerkraft, zwischen Ruhe und Spannung, zwischen Bewegung und In-Sich-Gekehrtsein, zwischen goldenem Leuchten und dunkler Bronze offenbart sich erneut: das Schmale der Speichen sowie die schlanke Figur lassen das Gleichgewicht unerlässlich wirken. Vor allem aber wird deutlich, wie riesig die Räder des Wagens sind. Abrupt durchfährt uns die Befürchtung, jede kleinste Bewegung könne den Zusammenbruch der Skulptur, den Fall vom Wagen bedeuten.
Ist die Figur folglich zur Bewegungslosigkeit verdammt, angesichts der Beschaffenheit des Wagens? Die Färbung der Figur lässt solch eine negative Betrachtung weniger wahrscheinlich erscheinen.
Nehmen wir wieder Platz.
Fallen Sonnenstrahlen auf den Körper, so lässt das Leuchten die Figur wie aus Licht selber erscheinen.
Hat Licht Gewicht?
Und muss sich die Figur überhaupt bewegen?
Offenbar ist der Balanceakt perfekt, das völlige Gleichgewicht ist erreicht, ohne in einen monotonen Stillstand zu verfallen. Die Spannung entsteht gerade durch das Verharren in einer Position, Welche Ruhe ausstrahlt.
Nun, es wirkt als hätten wir uns die Figur in ihrer Erscheinung im Museum unserer Phantasie für den Moment erschlossen.
Welchen Prozess aber haben wir nun verfolgt? Anstelle einer Suche nach ,Inhalt' haben wir uns auf die Form, beziehungsweise deren Wirkung auf den Betrachter beschränkt. Wir haben keineswegs versucht, ein Kunstwerk in Gedanken umgesetzt, sondern vielmehr das Werk in seiner ,,Leuchtkraft`` (7), seiner ,,Transparenz`` (8) auf uns wirken lassen. Das sinnliche Erlebnis des Kunstwerkes als ein revolutionärer, ein umwälzender und auf gewisse Weise auch einmaliger Akt des Erlebens, nicht der Rekonstruktion.
Was aber nehmen wir uns mit, wenn nun unseren Raum verlassen? Hat das Werk eine ,Aussage'? Aussage legt eine gewisse Bedeutung, legt Zuordnung nahe, und eine solche war ja keineswegs unser Ziel. Was kann uns die Betrachtung, die Versenkung in das Kunstwerk geben?
Vielleicht das Gefühl, dass in unserem alltäglichen Leben einiges an einen Balanceakt auf einem riesigen zweirädrigen Wagen erinnert. Möglicherweise die Devise, sich nicht zu sehr auf das Fundament dieser Welt zu verlassen, und ,,nach oben`` zu entschwinden, ohne dabei jedoch den Kontakt zur Erde zu verlieren. Oder aber die Gewissheit, dass sich selbst im innersten Gleichgewicht noch das Spiel zwischen Anspannung, Ruhe, Leichtigkeit und Schwere findet.