next up previous
Next: Alberto Giacometti: ,,Le Chariot`` Up: Dokumentation Previous: Joseph Beuys und seine

Kunstbetrachtung und Interpretation bei Susan Sontag

Anu Huotari

Susan Sontag, amerikanische Kritikerin und studierte Philosophin, vertritt in ihrem Werk Against Interpretation (3) die Forderung, bei der Kunstbetrachtung den Inhalt eines Kunstwerkes nicht zu sehr zu betonen und damit der Interpretation keinen zu hohen Stellenwert einzuräumen. Denn sie spricht von Interpretation als Zähmung der Kunst, da durch sie die Kunst auf einen bestimmten Inhalt reduziert wird, der nicht mehr die sonst der Kunst zugeschriebene Fähigkeit besitzt, nervös zu machen und wie Aristoteles sagt, zur Katharsis, zur Herbeiführung und Läuterung gefährlicher Emotionen führt. Auch macht Interpretation die Kunst in ihrer Botschaft manipulierbar, denn ist jemand aus irgend einem Grund unzufrieden mit dem zu betrachtenden Werk, besteht für ihn immer die Möglichkeit, einen für ihn angenehmen Inhalt hineinzuinterpretieren. Interpretation ist subjektiv und dadurch in gewisser Weise willkürlich, denn auch wenn an sie ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Objektivität gestellt wird, ist sie immer abhängig vom Interpreten, seinen Assoziationen beim Betrachten des Kunstwerkes und der eventuellen Absicht, die er mit der Interpretation verfolgt. Sontag fordert eine Transparenz des Kunstwerkes (vgl. Kap. 9, S. 14) und eine Betrachtungsweise, die der Kunst Autonomie gewährt, sie nicht nur als Verpackung eines bestimmten Inhalts erhalten lässt, der nur durch aggressive Interpretation herausgefiltert werden kann.

Susan Sontag definiert Interpretation für sich als Herausgreifen einer Reihe von Element aus dem Werkganzen (das Element A bedeutet in Wirklichkeit X, B bedeutet Y und C entspricht Z) (vgl. Kap. 3, S. 7). Daraus folgt, dass Sontag die Arbeit des Interpreten als Übersetzungsarbeit beschreibt (vgl. Kap. 3, S. 8), deren Ergebnis die einzig wahre Bedeutung des Kunstwerkes darstellen soll. Allerdings kritisiert Sontag diese übersetzende Interpretation, indem sie die Behauptung aufstellt, das der Inhalt des Werkes dabei verändert wird, so wird zum Beispiel ein alter Text gemäß den Ansprüchen des modernen Lesers vereinfacht und dabei laut Susan Sontag umgeschrieben.

Ihre Forderung nach einer Erotik der Kunst beinhaltet deshalb die Betonung auf die reine Wahrnehmung, auf das Erleben und Verstehen des Kunstwerks, wobei das Erleben sich auf das sinnliche Erleben vor allem der Form bezieht, aus dem dann das Verstehen resultiert. Die sinnliche Wahrnehmung ist unvermeidbar beeinflusst von der individuellen ästhetischen Erfahrung jedes Einzelnen, doch die Assoziationen, die man bei der Betrachtung von Kunst hat, zählen bei Sontag noch nicht als Interpretation.

Sie trennt in ihren Thesen zwischen Inhalt und Form eines Werkes, und behauptet, dass bei der gängigen Form der Interpretation der Inhalt überbewertet und die Form aus interpretationstechnischen Gründen zerstört oder außer Acht gelassen wird (vgl. Kap. 3, S. 8). Ihrer Meinung nach sollte man allerdings eine Verschmelzung der inhaltlichen und formalen Erwägungen herbeiführen (vgl. Kap. 8, S. 14) mit etwas mehr Betonung auf der Form. Daraus leitet sie auch die Aufgabe eines Kunstkritikers ab. Die Funktion der Kritik sollte darin bestehen aufzuzeigen, wie die Phänomene beschaffen sind, ja selbst, dass sie existieren, aber nicht darin, sie zu deuten (vgl. Kap. 9, S. 16).

Alles in allem stellt sich bei den Thesen Sontags vor allem die Frage, ab wann man dabei ist, den Inhalt der Kunst überzuinterpretieren und wieviel an Vorkenntnissen, auch über den Künstler, erlaubt ist. Ist es schon Überinterpretation, wenn man, zum Beispiel wie bei Edvard Munch weiß, dass er ein gespanntes Verhältnis zu Frauen hatte und so anfängt, in seinem Bildnis der Madonna diese, ja fast schon Angst zu sehen? Laut Sontag wäre es wohl eine, doch wie geht man dann an das Werk heran? Sinnliches Erleben, wie ist das definiert? Dies kommt in Sontags Text nicht klar heraus, auch wenn es interessant erscheint, die Gefühle und Empfindungen beim Betrachten der Kunst in den Vordergrund zu stellen.

Doch ist es nicht außerdem eventuell auch ein Fehler, nur von einer Minimalinterpretation auszugehen? Ist Interpretation nicht auch gewollt von den Künstlern? Ich denke schon, dass es manchmal einfach nötig ist, das Kunstwerk etwas auseinanderzunehmen, um es überblicken zu können. Aber vielleicht würde man nicht in die ungewollte Überinterpretation hineinrutschen, wenn man zuerst das Kunstwerk betrachtet, möglichst unvorbelastet und sich dann erst Wissen über Künstler aneignet und die Beobachtungen mit dem nun vorhandenen Wissen vergleicht und eventuelle Rückschlüsse zieht.

Muss ein Kunstwerk überhaupt immer so starke Emotionen hervorrufen, dass man diese für sich selber deuten kann? Es ist doch auch möglich, dass man vor einem Kunstwerk steht und es einfach nicht versteht, weil es keine eindeutigen Emotionen hervorruft, oder ist es dann kein Kunstwerk? Beispielsweise ist es schwierig zu sagen, was ein weißes Viereck auf schwarzen Grund an Emotionen bewirkt.

Allerdings hat Sontag ihre Thesen wohl auch überspitzt formuliert, in Anbetracht der Tatsache, dass einfach alles von allen möglichen verschiedenen Standpunkten (religiösen, sozialkritischen, etc.) aus interpretiert wird und einem dadurch auch die Lust an der Kunst getrübt wird.


next up previous
Next: Alberto Giacometti: ,,Le Chariot`` Up: Dokumentation Previous: Joseph Beuys und seine