Aristoteles schrieb sein fragmentarisch erhaltenes Buch der POETIK in der Zeit seines ersten Athenaufenthaltes (367 - 347 v.Chr.). Während dieser setzte er sich intensiv mit den Positionen seines Lehrers Platon auseinander und stieg vom Schüler zum Dozenten an der Athener Akademie auf. In der POETIK baut Aristoteles die Mimesis-Theorie Platons aus, löst sie gleichsam vom Hintergrund der Ideenlehre und entwickelt eigenständig eine Gattungslehre der Dichtkunst, wobei hier die überliefert gebliebene Tragödientheorie besonders von Bedeutung ist.
Aristoteles stellt allgemeine Überlegungen zu den mimetischen Künsten und der Dichtkunst an, formuliert daraus eine Unterteilung in Gattungen und äußert sich detailliert über Wesen, Bestandteile, Umfang und Wirkung der Tragödie. Die Kapitel über die Komödie sind nicht überliefert (1).
Die Tragödie ist nach Aristoteles ,,Nachahmung einer ernsthaften und in sich abgeschlossenen Handlung, die einen gewissen Umfang hat, in einer durch Zutaten [Versmaß, Melodie] gewürzten Sprache.`` Der Tragödienbegriff ist sehr eng an die der Tragödie ,,eigentümliche Wirkung`` gekoppelt. Die Tragödie ist ,,Nachahmung tätiger Menschen [...], und dadurch, daß sie Mitleid (éleos) und Furcht (phóbos) erregt, bewirkt sie die ihr eigentümliche Reinigung (he kátharsis) derartiger Affekte.`` Dieser auf Aristoteles zurückgehende Katharsisbegriff bestimmt die weiteren Formüberlegungen in der POETIK. Im aristotelischen Sinne stellt das Mitleid die angemessene emotionale Reaktion auf das unverdiente Unglück eines anderen, die Furcht eine wesentlich selbstbezogene Emotion aufgrund der Überzeugung dar, daß es einem selbst ähnlich wie dem Protagonisten ergehen könnte. Der konkrete Begriff der Reinigung bleibt jedoch ungeklärt.
Schon aus der Erklärung von Furcht und Mitleid wird die Wichtigkeit der Handlung beziehungsweise der Handlungsverknüpfung in der Tragödie deutlich. Für diese Handlungsverknüpfung prägt Aristoteles den Begriff der Fabel. Da die Tragödie explizit als Mimesis von Handlung definiert ist, ist die Fabel das ,,Erste und Wichtigste in der Tragödie`` (2).
Die dargestellte Handlung zielt auf ein Allgemeines, wobei allgemein das ist, was ,,als Wahrscheinliches oder Notwendiges möglich ist.`` Ein soundso geschaffener Mensch tut oder sagt unter bestimmten Umständen Dinge folgerichtig und notwendigerweise. Erst hieraus können Furcht und Mitleid erwachsen, die noch durch unwissentliches Handeln der Personen (zum Beispiel der Mord an einem Verwandten ohne das Wissen um das Verwandtschaftsverhältnis, Ödipus, s. 14. Kapitel) oder ,,Zufälle``, die aus der Logik der Fabel entstehen (zum Beispiel Unfalltod als Strafe eines Mörders, s.9.Kapitel) verstärkt werden. Die Handlung entwickelt sich Zug um Zug nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit und summiert sich zu einem Schicksalswechsel Glück-Unglück.
Die POETIK ist (neben der Ars Poetica von Horaz) einer der zentralen Texte der abendländischen Literaturgeschichte. Ab dem 16. Jahrhundert fand - zunächst im Italien der Renaissance, dann im Frankreich der Klassik - eine intensive Auseinandersetzung um die aristotelische Dramentheorie statt, die im Deutschland des 18. Jahrhunderts in der Rezeption Lessings gipfelte. Dieser Prozeß zieht sich in der deutschen Literatur weiter bis ins 20. Jahrhundert und findet seinen (vorläufigen) Abschluß in der Brecht'schen Theorie des epischen Dramas.
Aristoteles bietet in der POETIK keine eigenständige ästhetische Lehre. Auch ein allgemeiner Begriff von Kunst wird nicht geprägt, im Unterschied zu Platon, der Kunst gemäß seiner Ideenlehre eindeutig als ,,Nachahmung der Erscheinung der Idee`` definiert. Aristoteles modifiziert zwar die Mimesis-Theorie in seinem Sinne, sein Anliegen ist aber primär literaturtheoretischer, nicht kunstphilosophischer Art. Es käme also einer klaren Fehlinterpretation gleich, würde man Aristoteles Ausführungen zur Tragödie, darunter auch den Katharsisbegriff, auf die Kunst im Allgemeinen übertragen. Nichtsdestotrotz erfuhr gerade die Katharsis immer wieder Neu- und Umdeutungen. Die Idee, die Tragödie bzw. die Kunst habe einen zentralen sittlich-moralischen Effekt auf den Betrachter, ist als erstes von Aristoteles formuliert worden und bietet eine gewisse Faszination, die aus ihrem nahezu idealistisch anmutenden Gehalt entspringt: Kunst als sittliches Heilmittel? - Gerade weil Aristoteles den Begriff der Katharsis, der zuvor nur im medizinischen und religiösen Vokabular üblich war, zwar eindeutig mit den Komponenten Mitleid und Furcht verknüpft, die ,,Reinigung`` an sich jedoch nicht erläutert, entstand Raum für ein weites Feld von durchaus stark unterschiedlichen Interpretationen, die auch immer als Spiegel ihrer jeweiligen Epoche gelesen werden können.
Beispielhaft für die teilweise offen auseinandergehenden Deutungen seien nur zwei Interpretationsmodelle angeführt. Das gängigste ist das der moralistisch-didaktischen Deutung. Die Tragödie soll durch abschreckende Beispiele den Zuschauer lehren, seine eigenen Affekte zu kontrollieren und vergleichbare Fehler des tragischen Helden im eigenen Leben zu vermeiden. In diesem aufklärerischen Sinne funktioniert also Kunstgenuß als eine Art moralische Läuterung im humanistischen Sinne. In Abgrenzung zu Lessing wird vor allem im ausgehenden 19. und beginnenden 20.Jahrhundert die Analogie der Katharsis zu pathologisch-medizinischen Vorgängen betont. Die kathartische Wirkung übernimmt nach dieser Lehre in der ,,Abarbeitung`` aufgestauter Emotionen eine Art Ventilfunktion. - Katharsis also als medizinisch fundierte Therapie?
Eine erfüllende und exakte Deutung des aristotelischen Begriffes ist kaum möglich. Sowohl das Zusprechen eines humanistischen als auch eines medizinischen Gehalts sind bloße Interpretation. Egal ob und wie Aristoteles den Reinigungsbegriff für sich genau fasste, seine Katharsislehre wurde in seiner Zeit und vor allem in der neuzeitlichen Geistesgeschichte zu einem wichtigen Impuls. Die abwertende Kunsttheorie Platons, die die Wahrheit idealisiert und die Kunst als verzerrte Nachahmung der wiederum verzerrten Erscheinung der Wahrheit reduziert, erhielt ein Gegengewicht, indem der sittliche Wert ins Zentrum rückt und die Gefühlswelt des Rezipienten gezielt einbezogen wird.
Gerade hier liegt aber auch die Quelle aller widersprüchlicher Interpretation und Kritik: Éleos und phóbos - erst seit Lessing ist die Übersetzung in ,,Mitleid`` und ,,Furcht`` allgemein üblich - kennzeichnen auf schon fast lapidar anmutende Weise sehr komplexe emotionale Effekte, die im Betrachter hervorgerufen werden sollen. Sie sind schwer in Worte zu fassen. Sie beziehen sich jenseits von allem rationalen Verarbeiten bzw. aller bewußten Interpretation auf das rein sinnliche Erleben der Kunst. Sie spielen also in das kaum zu objektivierende Kunst-Erlebnis hinein, das für die amerikanische Philosophin Susan Sontag so wichtig ist. Sie fordert in ihrem Essay ,,Against Interpretation`` eine sogenannte ,,Erotik der Kunst``. Eine Parallelisierung Aristoteles - Sontag bedeutet historisch gesehen natürlich ein gewisses Maß an arglosem Vorgehen. Allerdings kann man sich zumindest schwer vorstellen, daß Sontag sich mit dem Katharsisbegriff anfreunden würde. Zu sehr versucht Aristoteles, für die Gefühlswelt des Einzelnen allgemeine Regeln aufzustellen. Darüber hinausgehend, betrachtet Aristoteles die Gefühle Furcht und Mitleid kaum als autonome Größen, sondern nur im Kontext der sittlichen Reinigung - also gewissermaßen als untergeordnete Teile eines Prozesses, der eine spezifische Interpretation nahelegt. Dies fiele - im Vokabular der Sontag - wiederum unter die ,,Vergewaltigung`` der Kunst durch Interpretation.
Aristoteles, Buch der Poetik
Nida-Rümelin/Betzler, ,,Ästhetik und Kunstphilosophie``, Alfred
Kröner Verlag, Stuttgart, 1998
S. Sontag, ,,Kunst und Anti-Kunst``, Reinbeck-Verlag, Hamburg,
1968