Einer Gruppe als Journalisten des Roßleber Fernsehens getarnter
Spione ist es gelungen, einen Blick hinter die Kulissen der Ästhetiker-Fassade
zu erheischen: Von erörterndem Diskurs keine Spur, sondern
TALKSHOW.
Ani und Dori (sich gegenseitig das Mikrofon aus der Hand
reißend): Conästhetis!! In rasender Freude und irrem Rausch
können wir euch mitteilen, dass wir es geschafft haben, die
ewigen Unterdrückerinnen Sorinna und Cabine (37) zu stürzen und ihre Position
einzunehmen. Endlich ist Diskussion in freiem Stil möglich!
Die Idee von Meinungs- und Pressefreiheit ist Wirklichkeit geworden!
- Applaus -
Johannes: Was ist eine Idee?
Anne: Wer hat diese Idee erschaffen?
Tamara: Natürlich Gott.
Tim: Du bist jetzt noch nicht dran.
Johannes (grübelnd): Idee ... Idee ... Idee ...??
Aristhorsteles: Platon hat gesagt, dass es eine von Gott gegebene
Grundidee gibt, ein höchstes Sein und der Mensch versucht,
Nachbildungen dieser Universalidee als Handwerker, und der Künstler
ahmt die Erscheinung der Nachahmung der Idee nach. Also ist der
Künstler 3 Stufen von der Wirklichkeit entfernt, doch kann
das sein, oder ist Kunst dann Schwachsinn und unnötig? Und
außerdem, was macht das Schöne im Schönen aus, laut Platon
ist es das Passende, doch was ist das Passende? ................. [Redeschwall
ergießt sich über den Raum, aus Platzgründen ausgespart.
Kommentar von Dana murmelnd: Wie schade!]
Nach einiger Zeit unterbricht Arne: Aber in Faust II .......
Johannes: Genau, wie bei Kafka ...
Aristhorsteles: Leute, genau das habe ich doch gerade gesagt.
Richtig.
Ani: Lasst mal die Mädels auch etwas sagen. Jana meldet sich
schon die ganze Zeit.
Jana: Nachdem mein Arm eingeschlafen ist, möchte ich einen
Exkurs auf Heidegger wagen.
- alles schläft ein. -
Dori und Ani (im Chor): Ja, spinnt ihr denn! Aufwachen!
Keiner von euch hat hier irgendwas gearbeitet. Nur Jana hat sich
vorbereitet. Und das wirklich perfekt. Vielleicht gönnt sie
euch ja einen Einblick in ihre vier Bibliothekräume mit selbstkommentierter
Sekundärliteratur. Da könnt ihr was dazulernen ... .
Immanuel - vom plötzlichen Tumult aufgeweckt - schreckt
hoch. Im Halbschlaf fängt er an zu philosophieren, während
er wie besessen seinen Reader verziert: Also Platon haben wir
ja jetzt schon abgehakt, und Aristoteles hat über Kunst als
solche sowieso nicht so viel gesagt. Da frage ich mich aber dann
nebenbei bemerkt, warum er sein Werk Poetik nennt. Denn Poetik
ist doch auch Kunst. Nicht gerade darstellende oder Malerei,
aber doch immerhin Dichtkunst .......
Anna: Ich bin beeindruckt.
Sorinna und Cabine schauen sich an: Welch eine Tragödie ...
Arne: An dritter Stelle steht dann die richtige Wiedergabe des
Denkens. Dies ist die Fähigkeit, die Worte so zu setzen, wie
sie zur Sache gehören und angemessen sind
Aristhorsteles: Mach mir nicht alles nach!
Johannes: Genau. Ich wollte eh mal fragen, ob David Mimesis ist.
Christoph: Könnten wir vielleicht erst mal Mimesis klären?
Sorinna: Hat da jemand nicht aufgepasst?
Celine: Ich kann mir auch nicht alles merken. Ich geh jetzt lieber
Geige spielen.
Ani: Nein, hier herrscht Disziplin. Wir haben sowieso gleich
Pause.
Dori: Also, mimesis ist ein griechisches Wort und bedeutet Nachahmung.
Uns ist es hier in der ästhetischen Diskussion schon mehrfach
begegnet. Ich schätze mal, dass man eine vollkommene Definition
nicht geben kann. Auf jeden Fall stoßen wir hier wieder auf
das Problem, woran sich ein Künstler oder Philosoph orientieren
muss und ab wann sein eigenes Werk beginnt. Das Phänomen kennen
wir auch aus der Musik. Findet Ihr nicht, das spielt auch eine
Rolle bei Streit um Urheberrechte oder Coverversionen oder so?
Celine: A propos, wer hat denn heute abend das Glück mit
Carsten? 23 Uhr ...
Christoph: Das gehört jetzt nicht hierher.
Fabian: Schau mal, Cabine weint.
Anna: Sorinna auch.
Jana: Wollt Ihr ein Taschentuch?
Aristhorsteles: An diesem Beispiel können wir sehr schön
den Unterschied zwischen Subjektivität und Objektivität erklären:
Aus der Sicht unserer gestürzten Kursleiterinnen besteht -
subjektiv wohlbemerkt - das Bedürfnis, Traurigkeit zu zeigen.
Rein objektiv betrachtet jedoch ist hierfür keinerlei Anlaß
vorhanden.
Anna: Kannst Du das beweisen?
Immanuel: Um zu Susan Sontag zurückzukommen ...
Dori: Heute ist Donnerstag ...
Anne: Ja, Sontag! Du sollst nicht soviel interpretieren.
Ich bin gegen Interpretation.
Cabine und Sorinna strahlen: Endlich! Wenigstens eine hat es
verinnerlicht!
Arne: Doch ab wann ist etwas Interpretation?
Dana: Sobald du den Mund aufmachst.
Ani: Bitte etwas mehr Sachlichkeit.
Johannes: Also ich hab jetzt noch ein Problem. Und zwar, kann
mir jemand erklären, wieso mein Finger immer in meinem Sonnenuhr-Ring
stecken bleibt, wenn ich damit rumspiele?
Sorinna hebt zaghaft die Hand:
Wir hatten das gerade ziemlich ausführlich an der Uni besprochen.
Nämlich: wenn man das vom Standpunkt Baumgartens aus betrachtet,
kann ich dazu einige Theorien nennen. Du solltest das mithilfe
von Paragraph 4, 1 - 7 zu erörtern versuchen.
Aristhorsteles: Genau, das finde ich auch. Daraus ergeben sich
offensichtlich folgende spezielle Nutzanwendungen: 1) eine philosophische,
2) eine hermeneutische 3) eine exegetische, 4) eine rhetorische,
5) eine homiletische, 6) eine poetische, 7) eine musische
Anna (bewundernd): Sogar lesen kann er ...
Tamara packt ihr Snickers aus.
Tim: Guten Appetit.
Ani: Essen bitte in der Mensa.
Tamara: Mensa ist das lateinische Wort für Tisch. Daraus erkennen
wir: Der Prototyp jedes Tisches hat vier Ecken und entsprechend
viele Kanten.
Celine: Über Kant haben wir schon länger nicht mehr geredet.
Immanuel steht auf und macht Kniebeugen.
Sorinna leise zu Cabine: Baumgarten würde dazu jetzt ,,ästhetische
Übung`` sagen
Cabine: Genau. Weil die Gedanken, die Ordnung und die Zeichen
übereinstimmen.
Aristhorsteles: Ich als Ästhetiker kann euch das versichern.
Christoph: Du bist kein Ästhetiker, du gefällst mir nicht.
Anne: Das Geschmacksurteil ist kein Erkenntnisurteil.
Dori: Mithin nicht logisch..
Fabian: Wenn ich ein Interesse an Tamara habe, kann sie dann
trotzdem noch schön sein? Oder ist sie mir nur angenehm?
Tim: Auf jeden Fall.
Dana: Können unsere neuen Regentinnen mal wieder das Wort
ergreifen?
Ani (beleidigt): Nur, wenn uns niemand unterbricht.
Dori: Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurteil bestimmt,
ist ohne alles Interesse.
Diskutiert diese These in Kleingruppen.
Johannes: Welch eine Methoden-Vielfalt ...
Der Ästhetikverband löst sich auf, und jeder Philosoph
begibt sich in eine andere Ecke des Parks, da sich im Peripatos
leichter Gedanken bilden.
Gegen Abend führt das Schicksal alle Ästhetiker wieder
zusammen, und sie versammeln sich in der stoisch anmutenden Säulenhalle.
Es bleibt, die Frage des Trendes für den nächsten Tag
zu klären.
Wir hoffen, dass der geneigte Leser die ernsthaften Gedanken
nicht mit den spaßig-ironischen verwechselt, die wir - gemeinsam
mit dem Rahmen - zur Erleichterung eingebunden haben.