Wer kennt es nicht, das Märchen von Antoine de Saint-Exupéry, in dem uns ,,Der Kleine Prinz`` über die wahrhaft wichtigen Dinge des Lebens aufklärt und uns den Weg aus der Einsamkeit durch Freundschaft und Vertrautheit weist.
Das Kind vom anderen Planeten vermag vermeintliche Hutzeichnungen als Elefanten verdauende Riesenschlangen zu identifizieren und durch Kistenbretter hindurch Schafe zu beobachten. Es kann hinter dem Kunstwerk die eigentliche Absicht des Künstlers sehen, ohne aber der Gefahr der Überinterpretation, vor der uns Susan Sontag in ihrem Kritikschreiben ,,Against Interpretation`` so eindringlich warnen will, zu verfallen, sondern lediglich aus der bloßen Betrachtung heraus. Der kleine Prinz lässt das Kunstwerk von der Wirklichkeit seines Seins erzählen, ohne es durch eine Fehlinterpretation in eine bestimmte Ecke zu drängen, und bestätigt damit Chiricos Leitsatz ,,Ein Kunstwerk muss etwas erzählen, was nicht in seiner äußeren Gestalt erscheint``.

Wir gewöhnlichen Menschen, die wir selten Riesenschlangen in Hüten oder gar Elefanten in Riesenschlangen zu finden gewohnt sind, müssen erst mühsame Überlegungen, in denen wir uns eben oft in den oben erwähnten Fehlinterpretationen verstricken, anstellen, oder eine von T.G.Baumgarten ohnehin schon vorausgesetzten Menge an Phantasie besitzen, um Künstler und Werk und vor allem den vielen verborgenen Geheimnissen gerecht zu werden.
Die gesamte Geschichte vom kleinen Prinzen birgt unendlich viele Rätsel und Geheimnisse, wie es nun einmal die Natur eines Kunstwerks mit sich bringt, dadurch dass es sich in den von Goodman so ausführlich beschriebenen Symbolsystemen verschlüsselt. Diese Rätsel wollen aber nicht etwa alle gelöst und aufgeklärt werden, wodurch ein Kunstwerk ja seiner geheimnisvollen Faszinationskraft ums kläglichste beraubt würde, sondern vielmehr kann hier die einfache Klarheit des wahren Seins ins Licht treten.
In seinem einfachen, kindgerechten Stil und der Naivität in Sprache und Zeichnungen spricht uns der Autor alle als Kinder an, er richtet sich an den Leser nicht als Lehrer, sondern als Freund und offenbart uns, obwohl dies nie ausdrücklich formuliert wird, sondern in der ganzen unkomplizierten Schreibweise des Buches verborgen ist, gerade durch diese Einfachheit seine Hauptaussage: Nehmt euch die Kinder zum Vorbild, die noch wissen, warum es sich zu leben lohnt!
Gerade das Wissen um die Existenz solcher Geheimnisse lässt uns nämlich die Welt mit völlig anderen Augen sehen, was uns Saint-Exupéry in seinem Werk ja auch vermitteln will.
Man dringt aus der Oberflächlichkeit der Betrachtungsweise unserer Welt in die Tiefen des wesentlichen Seins, d.h. hinter der äußeren Hülle, die über ihre Belanglosigkeit hin verschwindet, tritt das Eigentliche hervor.
Die Welt und unser eigenes Leben gewinnt so an Bewegung, Interesse und Lebensfreude durch die Spannung der unzähligen Geheimnisse, die sich überall vor uns auftun, denen jedoch zugleich mit dem Lebensalter immer weniger Beachtung geschenkt wird. Das Augenmerk wird also weniger auf das Erfassen des Gesamten, sondern auf das Wesen des Einzelnen gelenkt, das durch die Bergung von Geheimnissen fasziniert.
Insofern unterstützt uns hier Heideggers Betrachtungsweise, im Werk nach dem sich Verschließenden zu suchen und dadurch das sich Offenbarende zu finden, denn gerade dadurch, dass wir hier nicht mit Lebensweisheiten überhäuft oder zu einer radikalen Änderung unseres Lebens aufgerufen werden, wendet sich der Autor an jeden einzelnen persönlich und bewegt somit den Leser auch viel eher zum Nachdenken. Der Leser erkennt also den Sinn der Geschichte für sein eigenes Leben an.
Jedoch befürchte ich, bei der Betonung dieser zu Tage tretenden Offenbarung das Kunstwerk selbst aus den Augen zu verlieren. Denn sobald die Erkenntnis zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, muss das Werk mitsamt seiner eigentlichen Bestimmung zum Kunstwerk hinter ihr zurücktreten, es interessiert nur noch das Erkannte, wobei das Werk selbst als Träger und Behelfer zum Erkennen dienen muss: eine Beleidigung gleichsam für Künstler und Werk.
Auch wenn uns dieses Geheimnis des kleinen Prinzen offenkundig ins Licht gesetzt wird, wird uns dennoch der kleine Prinz selbst niemals verlassen und uns weiterhin mit seiner ganz besonderen Art der Weltanschauung überraschen und uns die Augen für neue Geheimnisse öffnen.
Antoine de Saint-Exupéry, ,,Der Kleine Prinz``