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Schön ohne Interpretation?

Anna Schnürch

Paul Celan Nacht Kies und Geröll. Und ein Scherbenton, dünn,
als Zuspruch der Stunde. Augentausch, endlich, zur Unzeit:
bildbeständig,
verholzt
die Netzhaut - :
das Ewigkeitszeichen Denkbar:
droben, im Weltgestänge,
sterngleich,
das Rot zweier Münder. Hörbar (vor Morgen?): ein Stein,
der den andern zum Ziel nahm.

Das vor mir liegende Gedicht verwirrt mich. Es ist Celans ,,Nacht``, und wie immer bei Celan fühle ich mich blind und ratlos, nachdem ich mir jede Zeile wieder und wieder durchgelesen habe. Ich könnte in diesem Augenblick niemals sagen, Dieses Gedicht gefällt mir oder Ich finde es schön oder nicht schön; es fehlt für mich der Zugang, eine Beziehung zum Gelesenen und Bilder, die mich die Worte fühlen lassen.

Diese Hilflosigkeit bringt mich dazu, über die Beurteilung der Schönheit von Literatur wie der Celans nachzudenken. Texte wie dieser, Autoren wie Celan, müssten vor allem im Sinne Susan Sontags (18) sein, denn an dieser Stelle bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als seine Beurteilung nach dem Klang der Wörter zu richten; spontane und unbewusste, praktisch unmittelbar mit dem Lesen einhergehende ,,Erkennungsprozesse`` bleiben hier aus. Ich verstehe einzelne Wörter, wenn überhaupt, denn das Gedicht ist mit Neologismen gespickt, aber das Gesamtbild bleibt unklar. Bei der Einordnung dieses Gedichts hätten wir den Extremfall einer ,,Erotik der Kunst`` (19), wie Susan Sontag sie als Beurteilungsgrund für Schönheit ersehnt.

Aber ich frage mich, ob es wirklich möglich ist, ein literarisches Werk allein nach seinem äußeren Erscheinungsbild zu beurteilen, ohne wenigstens den ,,direkten`` inhaltlichen Zusammenhang zu kennen. In diesem Falle wäre es sogar möglich, anderssprachige Texte für schön oder unschön zu erklären, ohne ein Wort zu verstehen, denn auch die einzelnen Wörter, die ich verstehe, verlieren ihre Bedeutung im abstrakten Zusammenhang. Die Beurteilung einzig nach dem Kriterium des Klangs und vielleicht der Phantasie beim Einsetzen von Neologismen setzt außerdem die Leistung des Künstlers herab. Klangvolle Wörter aneinanderreihen, neue Wörter erfinden, das können sicherlich viele, jedoch Bedeutungen verkleiden und sie so ,,ansehnlich`` machen, ist hier die Kunst.

Damit scheint bereits selbstverständlich, dass es in der Absicht Celans liegt, interpretiert zu werden, dass er seine Aussagen nicht zum Spaß so weit von uns entfernt durch für uns scheinbar skurrile Setzungen und Zusammenfügungen. Er fordert die Leser auf, das Werk durch ihre eigenen Gedanken zu vervollständigen. Hier klingt Danto an, für den Leser und Schriftsteller ,,in einer Art spontaner Zusammenarbeit`` das Werk erst zum Werk machen (20); der Schriftsteller gibt Zeichen vor, die sein Leser erst identifiziert und dann, als unmittelbare Folge, interpretiert. ,,Das Ganze bewegt sich auf einmal`` (21). Das widerspricht nicht unbedingt Sontag, die sich hauptsächlich gegen eine Übersetzung der Oberfläche in ,,das Eigentliche`` auflehnt (22). Doch eine Übersetzung der Worte macht das Verständnis von Celan erst in irgendeiner Weise möglich, da es bei ihm das Offensichtliche nur für sich stehende Wörter sind. Laut Goodman ist auch genau dies, das Verstehen der Symbolysteme, aus denen Kunst besteht, die Aufgabe eines Kunstbetrachters: ,,Es geht um das Treffen feiner Unterscheidungen und das Entdecken subtiler Beziehungen, das Identifizieren von Symbolsystemen und von Charakteren innerhalb dieser Systeme und das Identifizieren dessen, was diese Charaktere denotieren und exemplifizieren; es geht dabei um das Interpretieren von Werken und die Reorganisation der Welt mit Hilfe der Werke und der Werke mit Hilfe der Welt.`` (23). Und neben Goodman möchte doch auch Susan Sontag selbst, dass Kunst gefühlt wird, und wie kann ich Kunst fühlen, die ich nicht verstehe? Ganz automatisch greife ich nach mir bekannten Wörtern des Gedichts, halte mich an ihnen fest, um von hier aus ein Bild entstehen zu lassen, was mich fühlen lässt. Aber der Weg wird mir verbaut, und so bleibt auch das Gefühl aus. Natürlich sind auch Verwirrung und Hilflosigkeit Gefühle, jedoch resultieren sie aus dem Nicht-Verständnis und sind keine Reaktionen auf das Gedicht selbst. Zwar lassen mich mir bekannte Wörter und ihr Klang ahnen, welches Gefühl erzeugt werden soll, eine Stimmung entsteht, doch erst mit Hilfe von Übersetzung, also Interpretation, entwickelt sich eine Welt in Bildern, auf die ich mit sicheren und direkten Gefühlen reagiere. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, fällt auch die Einordnung der Emotionen weg. Wo keine Emotionen sind, können keine Emotionen sortiert werden, was Goodman als Aufgabe der bei Kunstbetrachtung entstehenden Gefühle bezeichnet; sie sind Hilfsmittel zur Entdeckung der Eigenschaften und des Audrucks eines Werkes: zur Beurteilung (24).

Für Sontag macht Interpretation die Kunst bequem, manipulierbar (25). Bei Celan jedoch macht sie sie erst greifbar; ohne dies bin ich unfähig zu urteilen. Die Stufe des Erkennungsprozesses, auf der Sontag gerne stehenbleiben möchte, fehlt bei Celan.

Danto geht sogar so weit, dass er den Titel eines Kunstwerks als ,,Richtungsangabe für die Interpretation`` (26) bezeichnet. Das bezieht sich vor allem auf Bilder, doch auch bei literarischen Werken wie denen Celans kann der Titel durchaus eine Art Wegweiser sein, ein kleiner Hinweis, der uns auf der Suche nach dem Inneren des Werks ein Stück weiterbringt. Auch dieses unterliegt der Annahme, dass der Künstler selbst eine Interpretation wünscht, dass er sie für notwendig hält. ,,Das Werk nicht zu interpretieren heißt, nicht fähig zu sein, von der Struktur des Werkes zu sprechen.``; erst die künstlerische Interpretation macht das Objekt zum Werk (27).

Natürlich kann ein Autor wie Celan auch eine andere Absicht haben als die, die ich ihm unterstellt habe (Interpretation als Vervollständigung des Kunstwerks). Genauso gut ist es möglich, dass er, wie Sontag es auf moderne Malerei bezieht (28), die Wörter einfach Wörter sein lassen will, dass für ihn wirklich der Klang der Wörter und ihre außergewöhnliche Zusammensetzung das einzige Schönheitskriterium ist und er sich gegen die Annahme auflehnt, dass Kunst zwangsläufig Bedeutung und Hintergrund hat. Andererseits könnte er der Interpretation auch auf dem Wege entgehen, dass er seinen Inhalt so weit versteckt, bis er für niemanden mehr zugänglich ist; eine Art Protest. Auch hier wäre er derselben Meinung wie Sontag: ,,Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst`` (29).

Lasse ich mich auf Sontags Betrachtungsweise ein und lediglich das Äußere auf mich wirken, kann ich vielleicht das von Goodman entworfene ästhetische Symptom der syntaktischen Dichte (30), hier als möglichst viele ineinandergreifende Symbole in kleinem Raum gebraucht, überprüfen. Celan benutzt in diesem wie in vielen anderen lyrischen Werken ,,schwere`` Begriffe wie z. B. ,,Ewigkeitszeichen`` oder ,,Weltgestänge``. Was hinter diesen steht, fällt unter die Kategorie ,,Unzulässige Interpretation``, demnach kann ich hier allein nach ihrer Quantität, nicht jedoch nach der Qualität beurteilen. Celan verwendet wenig Direktes und Eindeutiges; das Wenige verschwindet in der Fülle der Neologismen. Seine Symbole liegen dicht beieinander, sein Werk ist angefüllt mit ihnen. Das Symptom der syntaktischen Dichte ist erfüllt. Doch bereits bei der Überprüfung des Symptoms der semantischen Dichte wird mir der Weg versperrt.

Dies allein ist jedoch, so Goodman, ,,weder eine notwendige, noch eine hinreichende Bedingung für ästhetische Erfahrung`` (31). Es ist eines von vielen Elementen, die in Kunstwerken präsent werden.

Die Harmonie spielt also eine Rolle, das Zusammenspiel von Äußerem und Innerem, das Passende und die Ausgewogenheit. Inhalte und Bedeutungen müssen entsprechend verpackt werden, eingekleidet in einen angemessen dichten und gemusterten Mantel von klangvollen Wörtern und Worterfindungen.

Bezogen auf Celan wünsche ich mir, dass er ein Bild vor sich hatte, als er sein Gedicht schrieb, und dass die Worte nur die Oberfläche dieses Bildes sind; dass man als Leser durch die Worte und mit Hilfe gedanklicher Leistung selbst ein Bild entwirft und somit die Schönheit des Werkes empfinden kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Bild dasselbe ist, welches Celan im Kopf hatte, was ohnehin sehr unwahrscheinlich ist; die Hauptsache ist das Erkennen und Empfinden an sich.


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