In seinem philosophischen und kunsttheoretischen Hauptwerk ,,Sprachen der Kunst`` wendet N. Goodman sich gegen die Mimesis-Theorie der Kunst, die auf Platon zurückgeht und nach der Kunstwerke lediglich Nachahmungen der Wirklichkeit und deshalb in gewisser Weise defizitär sind.
Goodman argumentiert gegen diese Auffassung, in dem er - sich auf erkenntnistheoretische Untersuchungen berufend (s.SdK S. 19 - 20 oben; S.23 unten - 24) - darlegt, dass die Wahrnehmung der Wirklichleit so, wie sie ist, gar nicht möglich ist, sondern dass jedes Sehen zugleich Interpretation bedeutet und von individuellen Erfahrungen, Neigungen und Interessen beeinflusst ist: ,,[...] Rezeption und und Interpretation lassen sich als Vorgänge nicht trennen; sie sind vollständig voneinander abhängig.`` (SdK S. 20).
Ein und derselbe Gegenstand kann demnach auf sehr viele verschiedene Weisen wahrgenommen werden und der Künstler stellt nach Goodman weder die objektive Wahrnehmung (die es nach den vorangegangenen Überlegungen gar nicht geben kann) dar, noch wählt er unter allen vorstellbaren Interpretationen beliebig aus. Goodman sagt vielmehr: ,,Wenn wir einen Gegenstand repräsentieren, dann kopieren wir nicht solch ein Konstrukt oder eine Interpretation - wir stellen sie her.`` (SdK S.20). Damit wird klar, dass Kunstwerke nach Goodmans Theorie genauso real sind, wie die Dinge, auf die sie Bezug nehmen, da das, was allgemein als ,,wirkliches Ding`` bezeichnet wird, nicht weniger dem unauflösbaren Wechselspiel von Wahrnehmung und Deutung unterworfen ist.
Um zwischen dem Kunstwerk und dem, was es bedeutet, eine Verbindung herzustellen, stehen dem Künstler nach Goodman verschiedene Arten der Symbolisierung, d.h. der Bezugnahme zur Verfügung. Davon sind die beiden elementarsten Denotation und Exemplifikation.
Denotation bezieht sich auf Gegenstände, wobei für Goodman unter Gegenstände sowohl materielle Dinge, wie auch Ereignisse fallen. Die Beziehung zwischen einem Kunstwerk und dem denotierten Gegenstand vergleicht Goodman mit dem Verhältnis von einem Prädikat und dem, worauf es zutrifft (SdK S. 17). Das Kunstwerk funktioniert dabei selbst als Prädikat, das auf den denotierten Gegenstand zutrifft.
Goodman grenzt Exemplifikation zum Einen durch einen ,,Unterschied im Gebiet`` (SdK S. 53 - 57) von Denotation ab. Während Denotation sich auf Gegenstände bezieht, werden nur Eigenschaften exemplifiziert. Die Exemplifikation von Eigenschaften unterscheidet sich nach Goodman von Denotation aber noch gravierender dadurch, dass die Richtung der Bezugnahme bei Exemplifikation jener bei Denotation entgegengesetzt ist: Ein Kunstwerk ist grau und denotiert dadurch das Prädikat ,,grau``. Das Werk funktioniert nicht, wie es bei Denotation der Fall wäre, selbst als Prädikat.
Der Ausdruck ist eine besondere Form der Exemplifikation und spielt vor allem in der Kunst eine wichtige Rolle. Ersteres beschreibt Goodman als notwendige Bedingung: ,,Nicht jede Exemplifikation ist Ausdruck, aber jeder Ausdruck ist Exemplifikation.`` (SdK S. 59). Beim Ausdruck wird auf das Prädikat metaphorisch Bezug genommen: Ein graues Bild drückt Traurigkeit aus.
Nach Goodman können alle Formen der Kommunikation (z.B. verbale Sprache, Kunst, Wissenschaft) allgemein als Symbolsysteme aufgefasst werden. Er versucht daher, Charakteristika des Symbolsystems der Kunst herauszuarbeiten, um Kunst auf diese Weise von anderen Symbolsystemen zu unterscheiden. Goodman beschreibt diese Eigenschaften als Symptome des Ästhetischen. Diese sind: syntaktische Dichte, semantische Dichte, syntaktische Fülle und Exemplifikation (vgl. SdK S.232 - 235). Aufgrund ihrer Eigenschaft als Symptome sind diese Charakteristika weder notwendige noch hinreichende Bedingungen für ästhetische Erfahrung, kommen in der Kunst jedoch verstärkt vor. Goodman fasst dies folgendermaßen zusammen: ,,Wahrscheinlich sind die vier Symptome in ästhetischer Erfahrung eher zu finden, als daß sie fehlen, und normalerweise nehmen sie eine hervorragende Stellung ein; aber jedes von ihnen kann in der ästhetischen Erfahrung fehlen oder in der nichtästhetischen zu finden sein.`` (SdK S. 234) Hier bemerkt Goodman Ähnlichkeiten zwischen Kunst und Wissenschaft, die über die Tatsache hinausgehen, dass es sich in beiden Fällen generell um Symbolsysteme handelt. Vielmehr lassen sich auch in der Wissenschaft häufig Symptome des Ästhetischen finden. Kunst und Wissenschaft ähneln sich also nicht nur darin, dass sie symbolisieren, sondern auch darin, wie sie symbolisieren: ,,Andererseits können ästhetische Merkmale in den feinen qualitativen und quantitativen Unterscheidungen, die für den Test wissenschaftlicher Hypothesen erforderlich sind, eine herausragende Rolle spielen. Kunst und Wissenschaft sind einander nicht völlig fremd.`` (SdK S. 234)
Goodman geht noch näher auf den Vergleich von Kunst und Wissenschaft ein. Hierbei wendet er sich gegen die allgemeine Auffassung, dass Emotionalität die Kunst und Rationalität oder Wahrheit die Wissenschaft charakterisiere: ,,Der Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft ist nicht der zwischen Gefühl und Tatsache [...], sondern eher ein Unterschied in der Dominanz bestimmter spezifischer Charakteristika von Symbolen.`` (SdK S. 243)
So bleibt zwischen Kunst und Wissenschaft nur noch ein Unterschied, der im Vergleich zur landläufigen Abgrenzung eher klein ist, und der darin besteht, dass die Wissenschaft zwar zum Teil die Kunst kennzeichnende Symptome aufweist, sich aber dennoch durch verstärktes Auftreten eben wissenschaftstypischer Symbolisierungsweisen auszeichnet.
SdK: N. Goodman: ,,Sprachen der Kunst``. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1974