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Igor Fjodorowitsch Strawinsky - Le Sacre du Printemps

Tim Peppel

Strawinskys Vision zu Le Sacre du Printemps sah wie folgt aus: ,,Alte Männer sitzen im Kreis und schauen dem Todestanz eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings günstig zu stimmen. Es war das Thema des Sacre du printemps ...``. Igor Strawinskys und Wazlaw Nijinskys (Choreograph) 1913 im Théâtre des Champs Elysées Paris uraufgeführtes Werk markiert den Schritt zum abstrakten Ballett. Noch ist es eine Art ,,Zwitterwesen`` zwischen dem Handlungs- und Sinfonischen Ballett; es besteht aus einer quasi durchkomponierten Kette von Sätzen, die alle ein Bewegungs-, Kampf- oder Tanzspiel zum Thema haben, das heißt Inhalt und Form sind a priori dasselbe. Le Sacre du printemps zeigt in seiner Einzigartigkeit ein neues Verständnis in der Bewertung und somit auch der Verwendung des Ensembles. Le Sacre ist das erste ,,Massenballett`` in der europäischen Ballettgeschichte bis dato. Es ist der Anfang einer neuen ,,Bewegungsästhetik``. Sie beruft sich auf ähnliche Wurzeln wie der fast zur selben Zeit einsetzende deutsche Ausdruckstanz und der amerikanische Modern-Dance: Erforschen ethnischen Materials, Untersuchen und Einbeziehen der menschlichen ,,Normalbewegung`` und ihr Formalisieren, Entwickeln von neuen Bewegungsansätzen. Weiterhin spielt in Strawinskys Le Sacre du printemps ein anderer Faktor eine wichtige Rolle: Die fast einzigartige Komplexität und Individualität der Musik.


Igor Strawinsky (1882 - 1971)

Le Sacre du printemps charakterisiert somit als Strawinskys ,,Hauptwerk`` der expressionistischen Zeit ein Unterfangen, das weit über die Größe eines Großen Orchesters hinaus geht. Allein der Einsatz von zwei vollständigen Schlagwerken lässt im Ansatz vermuten, inwieweit dieses Orchester ausgeprägt sein muss. Vielleicht hat gerade dieser Umstand, unterstützt durch die Gegebenheit etwas für jene Zeit ganz neues im Ballettstil zu schaffen, dazu geführt, dass die Premiere am 29. Mai 1913 im Théâtre des Champs Elysée Paris zu einer der bis heute größten Katastrophen in der Geschichte der Klassischen Musik geführt hat.

Die Genialität des Igor Strawinskys in Le Sacre du printemps kann sehr wohl mit der philosophischen Theorie von Theodor W. Adorno in Bezug gebracht werden. Theodor Adornos philosophische Schrift ,,Musik, Sprache und ihr Verhältnis im gegenwärtigen Komponieren`` zeigt auf, dass Musik in der Tat eine Sprachähnlichkeit besitzt, aber nicht als Sprache allgemein festgestellt werden darf. Weiterhin charakterisiert Adorno den Ansatz, dass neuere Musik (ab 1950) ihre Sprachähnlichkeit verloren hat und somit die Musik keine Kunst mehr ist und überhaupt diese Musik als sinnlos empfunden werden muss. Adorno erklärt in seinem Text, dass Strawinsky eine derjenigen Personen war, die versucht hätten, sich von der Sprachähnlichkeit zu lösen. Dies sei Strawinsky aber nicht gelungen, da er sehr wohl sprachähnliche Elemente einarbeitete, er somit eine Paradoxie erzeugte, aus der er sich zu befreien versuchte, wohingegen er sich immer mehr in die Sprachähnlichkeit begab. Diese Annahme von Adorno ist hinsichtlich Strawinskys Ballett einfach unhaltbar, da es in der Tat einen Beginn der Loslösung von Sprachähnlichem zu vermitteln versucht, was in der Musik von Le Sacre begründet liegt. Hier laufen nämlich zunehmend verschiedene Rhythmen und Klangbilder gegeneinander, was eine Assoziation zu Bedeutungen erschwert. Erst durch diese neue Art des Musizierens und das Beschreiten eines ganz neuen eigenständigen Weges wird die Aussagekraft unterstützt. Es wäre doch fatal gewesen, hätte Strawinsky sein Le Sacre du printemps mit Tonfolgen konzipiert, die eine sofortige Assoziation im Hörer hätten auslösen sollen. Gerade durch die abstrakte, vielleicht sogar im Grundtenor dissonante Art der Musik, wird erst exzellent die eigentliche Bestimmung des Sacres umgesetzt, nämlich zu sterben und dies auf qualvolle Weise. Adornos Aussagen sollten daher sehr kritisch betrachtet werden, da in seinem Text kein Beweis für das Verlorengehen der Sprachähnlichkeit oder der Aussagekraft angeführt wird, lediglich er seine Abneigung gegen Musik der Neuen Schule hervorbringt.

Ein anderer Ansatz zur Betrachtung von Le Sacre du printemps ist in gewisser Weise, wenn auch nur bedingt, mit Aristoteles möglich. Aristoteles charakterisiert Schönheit insofern, dass sie auf Ordnung und Umfang beruht. Diese Schönheit kommt dadurch zu Stande, dass Ordnung und Umfang - der ein gewisses Maß nicht übersteigen darf - in Wechselbeziehung miteinander stehen. Über Le Sacre du printemps ist somit bedingt der Schluss möglich, dass dieses Ballett schön sei. Diese Schönheit beruht auf dem Umfang an Darstellern, Orchester und sogar Bühnenbild. Beim Umfang stößt Strawinsky bis zu den Grenzen des gewissen Maßes - eines Großen Orchesters - vor und könnte diese Grenze vielleicht sogar überschritten haben, da der Einsatz eines solchen gewaltigen Orchesters ein wenig zu bombastisch für ein 30-minütiges Ballett erscheint. Ferner ist eine Ordnung im Ballett selber in der Partitur erkennbar. In der Partitur wird klar ersichtlich, dass Strawinsky sich strikt an Taktschemata, Tonarten und an Dynamik- bzw. Ausdrucksanweisungen hält. Eine Loslösung, und somit auch eine Loslösung von der aristotelischen Ordnung, wird erst in späteren Werken, wie zum Beispiel in Werken von Roman Haubenstock-Ramati und seiner elektro-akustischen bzw. experimentellen Musik, erreicht. Dennoch könnte auch Strawinskys Ballett den Ordnungsbegriff ins Wanken bringen, da in der Partitur und somit in der Musik selbst etliche Gegenläufe von verschiedenen Tempi zu erkennen sind: Es gibt Stellen, an denen Bläser-Sextolen gegen Streicher-Quintolen laufen und umgekehrt. Hierbei wird es zunehmend problematisch, noch von Ordnung im aristotelischen Sinne zu sprechen. Nichtsdestotrotz ist man dennoch in einem bestimmten Maße gewillt, Le Sacre du printemps aus aristotelischer Sicht als schön zu bezeichnen, wenn hingegen andere Menschen dies als eher fragwürdig hinstellen würden (Verweis auf die Premierenreaktionen von Strawinskys Ballett).

Es ist in der Tat möglich, ein zu seiner Entstehungszeit sehr avangardistisches Musikstück in Hinblick auf kunstphilosophische Betrachtungen dennoch zu charakterisieren und analysieren. Igor Strawinskys Ballett Le Sacre du printemps erscheint daher in einem ganz neuen Licht, wenn man sich von den Standartinterpretationen dieses Werks abwendet und wie oben beschrieben, das Ballett in Bezug auf seine Stellung hinsichtlich ästhetischer Betrachtungen untersucht.

Literaturverzeichnis

Begleitheft zum Ballettabend ,,Das Frühlingsopfer``, ,,Petruschka`` und ,,Der Gesang der Nachtigall`` aus der Spielzeit 1997/98 am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin
http://www.klassik.com vom 20.07.2001


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