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Christoph Freudenhammer
Das Färben mit Pflanzen- und Tierextrakten war Jahrtausende
lang die einzige Möglichkeit, halbwegs dauerhaft gefärbte
Textilien zu erhalten.
Schon in germanischen Siedlungen aus der
jüngeren Steinzeit wurden Reste von pflanzlichen Samen gefunden,
die für das Färben geeignet waren. Spuren von pflanzlichen
Farbstoffen wie Krapp, Indigo oder Safran fand man z. B. schon
auf Mumienbändern und Textilresten in altägyptischen Gräbern.
Der bekannteste Farbstoff, der seit der Antike große Bedeutung
erlangte, war der Purpur. Gewonnen wurde er aus einem Saft aus
der Drüse von Purpurschnecken, um ein solch feuriges Rot zu
erhalten, das man aus Pflanzen nicht erhalten konnte. Jedoch
mussten für nur 1 g des Farbstoffes rund 8000 Schnecken getötet
werden. Dementsprechend war diese Farbe sehr kostbar und durfte
nur von den römischen Cäsaren und z. T. von den Senatoren
getragen werden bzw. nur diese konnten es sich leisten (
,,Königspurpur``).
Einen Ersatzstoff, das Cochenille, entdeckte man jedoch erst
zu Zeiten Karls des Großen, in dessen Reich dem Anbau von Färberwaid,
Krapp und Reseda eine nicht geringe wirtschaftliche Bedeutung
zukam. Das Cochenille ist ein roter, wasserlöslicher Farbstoff,
der Carmin als färbenden Bestandteil enthält. Dieser setzt
sich im wesentlichen aus Carminsäure (Abb. 1) zusammen, die
zur Familie der Anthrachinone gehört, welche an den drei Benzolringen
zu erkennen sind. Das Anthrachinon ist hierbei chemisch an ein
Traubenzuckermolekül gebunden. Man gewann es aus getrockneten
weiblichen Kermesschildläusen, die als Saftsauger die Scharlacheichen
des Mittelmeergebietes besiedelten, daher die Bezeichnung Kermesrot.
In Südamerika wurde dann zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine
neue Läuseart entdeckt, die wegen ihres höheren Farbstoffgehalts
schnell die einheimische Kermeslaus als Farbstofflieferant verdrängte.
Das so erhaltene Cochenille wurde für die Kolonialmacht Spanien
nach der Eroberung Mexikos zum drittwichtigsten Handelsgut nach
Silber und Gold und war noch bis zum Aufkommen der ersten künstlich
hergestellten Farbstoffe im 19. Jahrhundert neben der
Alizarin (ebenfalls ein Anthrachinonfarbstoff) enthaltenden Krappwurzel
der wichtigste Farbstoff für intensive, leuchtkräftige Rotfärbungen
auf Stoffen.
Künstliche Farbstoffe wurden in der ersten Hälfte des vorletzten
Jahrhunderts eher zufällig gewonnen, denn für gezielte Synthesen
reichte die Theorie der organischen Chemie noch nicht aus, bedenkt
man, dass Kékulé seine Benzolformeln erst 1857 aufstellte.
Die entscheidende Grundlage für die Entwicklung der modernen
Farbstoffchemie bildete dann die Entdeckung des Phenols und des
Anilins im Steinkohlenteer durch den deutschen Chemiker Friedlieb
Ferdinand Runge im Jahre 1834, er isolierte letzteres und gewann
daraus durch Oxidation Anilinschwarz.
Rund 20 Jahre später machte der 18jährige Student William
Henry Perkin (1838-1907) in London eine zufällige Entdeckung.
Eigentlich wollte er durch Oxidation von Anilin Chinin, ein damals
weit verbreitetes fiebersenkendes Mittel, das vor allem gegen
Malaria eingesetzt wurde, finden. 1856 erhielt er dann bei der
Oxidation von verunreinigtem Anilin eine schwarzviolette Masse,
aus der er durch Extraktion mit Alkohol einen violetten Farbstoff
isolieren konnte, den er Mauvein oder Anilinpurpur nannte (Abb.
2). Er schüttete dieses Produkt aber nicht, wie es damals auch
bei seinen Studienkollegen üblich war, als Abfall weg, sondern
versuchte ein Stück unbehandelter Seide damit zu färben,
was zu einem sehr zufriedenstellenden Ergebnis führte. Ein
Stück jenes Stoffes, in der Größe von 5 x 10 cm, wird noch
heute in den chemischen Archiven des Imperial College, an dem
Perkin studierte, aufbewahrt.
Perkins Mauvein war also der erste künstliche Anilinfarbstoff,
der beim Färben im Gegensatz zu den natürlichen Farbstoffen
leuchtend und dauerhaft gefärbte Stoffe ergab, die sich sehr
bald großer Beliebtheit erfreuten. Denn von nun an war die
Mode nicht mehr allein von den gegebenen Rohstoffen, die die
Färber in ihren Küpen hatten, abhängig.
So zeigten sich Trendsetterinnen wie Kaiserin Eugenie von Frankreich
in mit Anilinpurpur gefärbten Kleidungsstücken und selbst
die britische Königin Viktoria erschien 1862 bei der Royal
Exhibition in einem violetten Seidenkleid. Perkin gründete
daraufhin zusammen mit seinem Vater und Bruder die weltweit erste
Fabrik für synthetische Farbstoffe im englischen Nordosten
und seine Entdeckung machte ihn, der aus armen Verhältnissen
stammte, bald zum reichsten Chemiker Großbritanniens. Dennoch
machte er sich Vorwürfe, dass er als Erster seiner Zunft eine
Erfindung vermarktete, obwohl er dank ihr zum angesehenen Wissenschaftler
avancierte. Diese Entdeckung veränderte jedoch nicht nur Perkins
Leben schlagartig, sie führte auch zur Entwicklung und Produktion
von heute mehr als 2000 Farbstoffen und gab den Startschuss für
eine sprunghaft wachsende chemische und pharmazeutische Industrie:
Synthetische Parfums und Aromen, Spreng- und Kunststoffe, aber
auch Arzneimittel und unzählige andere Stoffe, die für uns
heute selbstverständlich sind, haben z. B. ihren Ursprung in
Perkins missglücktem Chinin-Experiment. In der Folgezeit gründeten
sich immer mehr Farbstofffabriken, u. a. Bayer, Hoechst und die
BASF, ihre Innovationen bauten überwiegend auf den von Perkin
und seinen Nachfolgern gewonnen Erkenntnissen auf.
1861 entdeckte Verguin in Frankreich das Fuchsin als zweites
synthetisches Farbmittel, ein Triphenylmethanfarbstoff, der sich
in Wasser rot löst. Aufgrund seiner unzureichenden Säure-
und Alkalibeständigkeit spielt das Fuchsin jedoch genau wie
das Mauvein heute keine Rolle mehr.
1868 gelang dann den Chemikern Graebe und Liebermann die Alizarinsynthese,
die künstliche Herstellung des ,,Krappfarbstoffes``. Sie erkannten,
dass das Alizarin ein Derivat des im Steinkohlenteer vorkommenden
Anthracens sein muss und reichten die technische Synthese über
die Sulfonierung des Anthrachinons (Abb. 3) im Juni 1869 als
englisches Patent im ,,Wettlauf`` mit Perkin ein, denn auch letzterer
musste sich aus wirtschaftlichen Gründen mit neuen Farbstoffen
beschäftigen, nachdem sein Mauvein aus der Mode gekommen war.
Und schon 10 Jahre später überholte die synthetische Alizarinmenge
die natürliche deutlich, so dass die Preise ständig fielen.
Auch die Indigo-Synthese durch den deutschen Chemiker Adolf von
Baeyer trug dazu bei, dass die auf chemischem Wege hergestellten
Farbstoffe die ehemaligen Naturfarbstoffe nahezu vollständig
vom Markt verdrängten.
Aber ebenso für die Medizin übernahmen die synthetischen
Farbstoffe eine tragende Rolle: Nicht nur dass diese Farbstoffe
wichtige Erfolge in der Genforschung ermöglichten (mit Hilfe
von Anilinfarben stieß man z. B. auf die Nukleinsäuren im
Zellkern oder war in der Lage, die Chromosomen sichtbar zu machen),
sondern sie halfen Robert Koch auch dabei die Existenz und Wirkung
des winzigen stäbchenförmigen Bazillus im Gewebe von Tuberkulosekranken
nachzuweisen. Ähnliches gelang ihm später auch im Falle der
Cholera.
Und obwohl in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Molekularstrukturen
vieler Farbstoffe noch nicht ganz exakt ergründet waren, experimentierte
man mit ihnen an Gewebe und Zellen. Dabei fand Paul Ehrlich heraus,
dass sich Methylenblau (Abb. 4) nicht nur zur bakteriologischen
Diagnose eignet, sondern auch selbst nützliche medizinische
Eigenschaften besitzt. Es wirkt keimtötend und war daher neben
anderen Teerderivaten für Joseph Listers Forschungen zur Wundantisepsis
von großer Bedeutung. Die Fähigkeit des Farbstoffes, Hämoglobin
in Methämoglobin zu verwandeln (bei dem das Eisen oxidiert
ist und keine Rolle mehr für den Sauerstofftransport spielt),
kam beispielsweise der Behandlung von Cyanidvergiftungen zugute.
Mit Hilfe von Methylenblau führte Ehrlich auch seine bahnbrechenden
Untersuchungen an lebenden Zellen durch, während man bislang
nur mit totem Gewebe gearbeitet hatte. Als er den Farbstoff Fröschen
injizierte, zeigten die Nervenzellen eine kräftige Färbung,
eine Entdeckung von unschätzbarem Wert für anatomische Studien
des Nervensystems.
Im Laufe der Zeit stellte man dann ebenfalls bei anderen Farbstoffen
Heilwirkung fest: Kongorot bewährte sich bei der Behandlung
von rheumatischem Fieber und als Gegengift bei Diphtherie. Acringelb
wurde seit 1916 als antibakterieller Wirkstoff eingesetzt, das
orangerot fluoreszierende Mercurochrom vielfach als Desinfektionsmittel
bei kleineren Wunden, Gentianaviolett half gegen Bakterien und
Pilze. Wie der deutsche Biochemiker Gerhard Domagk herausfand,
wirkt der ebenfalls orangerote Farbstoff Prontosil heilsam bei
Streptokokkeninfektionen, und später wurden daraus die Sulfonamide
entwickelt, mit denen man Kindbettfieber, Lungenentzündung
und Lepra behandelte. Für seine Arbeit erhielt Domagk 1939
den Nobelpreis für Medizin. Seine Erkenntnisse über Prontosil
und die Sulfonamide sollen das Leben von Winston Churchill und
Franklin D. Roosevelt jr. verlängert haben, und Alexander Flemming
sah sie als so bedeutend an, dass er Anfang der dreißiger Jahre
der Erforschung des Prontosils zeitweilig Vorrang einräumte
gegenüber der Entwicklung des Penizilins.
Man sieht also, wie wichtig die zufällige Entdeckung des 18jährigen
Chemiestudenten William Henry Perkin für unser jetziges Leben
geworden ist, auch wenn ihn heutzutage kaum noch jemand kennt,
denn er hat den Stein der chemischen und pharmazeutischen Industrie
erst ins Rollen gebracht.
Simon Garfield: Mauve - How a man invented
a colour that changed the world. London 2000.
http://www.seilnacht.tuttlingen.com/Lexikon am 16.07.01
http://134.28.202.17/b/hapke/farbstof.html am 16.07.01
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